Meeresbiologen klären Rätsel auf:

Kinderstube der Schweinswale entdeckt

Zwei Jahre lang lauschten über 300 Ortungsgeräte in den Tiefen der Ostsee nach den Echolauten der Schweinswale. Jetzt werteten Forscher aus acht Ostseeanrainern die Daten aus. Und entdeckten vor Gotland die mutmaßliche Kinderstube der bedrohten Meeressäuger.

Forscher haben die Kinderstube der Meeressäuger gefunden.
epa/EFE/Loro Parque Forscher haben die Kinderstube der Meeressäuger gefunden.

Was sich an jenem Julitag 2012 quasi direkt vor seinem Büro zutrug, verschlug selbst Harald Benke die Sprache. Direkt vor dem Ozeaneum auf der Stralsunder Hafeninsel, konnte Deutschlands wohl namhaftester Schweinswal-Experte, zusehen, wie einer der extrem bedrohten Ostseesäuger durch den Strelasund zog. Dass die Tiere so weit in den Süden drängten, wertete der Chef des Meeresmuseums damals als eine Sensation.

Auch sein Kollege Henning von Nordheim, Meeresbiologe an der Naturschutzakademie auf der Insel Vilm, wurde in jenem Sommer überrascht. Da ließen sich gleich zwei der Kleinen Tümmler vor der Insel mitten im Greifswalder Bodden blicken. Am gleichen Tag hatten Wassersportler vor Binz vier Schweinswale gesichtet. Auch vor Sassnitz und Thiessow wurden Beobachtungen gemeldet.

Die eher zufälligen Einzelsichtungen waren jedoch alles andere als Zufall, wie eine Langzeitstudie jetzt bestätigt. „Schweinswale schwimmen im Sommer aus der dänischen Beltsee in die deutschen Gewässer bis vor Rügen und im Herbst zurück in die Beltsee“, konstatiert Benke. Das zeigten Daten des für die Ostsee bislang einzigartigen Forschungsprojektes SAMBAH (Static Acoustic Monitoring oft he Baltic Sea Harbour Propoise).

Zwei Jahre lang hatten Wissenschaftler aus acht EU-Ostseeanrainerstaaten die Wanderungen der bis 1,90 Meter langen Schweinswale in dem Binnenmeer untersucht. Dazu wurden insgesamt 304 spezielle Messstationen, sogenannte C-PODs, im Meer in Wassertiefen zwischen fünf und 80 Metern verankert, die rund um die Uhr die Echolaute der einzigen dauerhaft in der Ostsee lebenden Wale aufzeichneten.

Die Auswertung des weltweit größten grenzüberschreitenden Forschungsvorhabens dieser Art habe erstaunliche Erkenntnisse über die seltenen Tiere
zutage gebracht, sagt Jens Koblitz, deutscher SAMBAH-Koordinator. „Unsere Langzeitdaten zeigten, dass vermutlich 447 Schweinswale in der Ostsee unterwegs sind“, sagt er. Ursprünglich war man von etwa 600 Tieren ausgegangen.

Den Aufzeichnungen der akustischen Datenlogger ist zudem zu entnehmen, in welchen Regionen sich die Wale zu bestimmten Jahreszeiten eher häufiger oder seltener aufhalten. Eine inzwischen erstellte wissenschaftliche Karte zur räumlich-zeitlichen Verteilung der Tiere zeigt unter anderem eine klare örtliche Trennung der Schweinswalpopulationen der zentralen und der westlichen Ostsee zwischen Mai und Dezember.

Weil sich genau in dieser Zeit die Schweinswale paaren und die Kälber zur Welt kommen, glauben die Wissenschaftler, jetzt auch endlich die eigentliche Kinderstube der Ostsee-Schweinswale ausgemacht zu haben. Demnach müsse das mutmaßliche Fortpflanzungsgebiet der zentralen Ostsee-Schweinswale südlich der schwedischen Insel Gotland, im Gebiet der sogenannten Midsjöbank befinden, ist sich Koblitz sicher. „Bisher war uns noch nicht einmal bekannt, dass in diesem Gebiet überhaupt Schweinswale vorkommen.“

Die Ergebnisse waren vergangene Woche auf einer internationalen Konferenz im Kolmarden Wildlife Park (Schweden) vorgestellt worden. Aus den Daten wollen die Experten nun konkrete Forderungen zum Schutz der Wale erarbeiten. Neben der Festlegung von Schutzgebieten muss es nach nach Experteneinschätzung in den betroffenen Seegebieten zu Einschränkungen der Fischerei sowie zu schallmindernden Vorschriften für den Bau von Offshore-Windkraftanlagen kommen.

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