Urteil nach Ausschreitungen:

Krawallbrüder müssen schon fürs Mitlaufen zahlen

Das Amtsgericht Rostock arbeitet die Fan-Krawalle vom Oktober 2013 auf. Es gibt zwei Angeklagte. Doch waren sie wirklich nur so „reingerutscht“?

Immer wieder sind Anhänger von Hansa Rostock in der Vergangenheit ins Kreufeuer der Justiz geraten.
Arne Dedert Immer wieder sind Anhänger von Hansa Rostock in der Vergangenheit ins Kreufeuer der Justiz geraten.

Eine Horde düsterer Gestalten rottet sich zusammen, stiebt auseinander, formiert sich neu. Sie drohen, zeigen wüste Gesten, schleudern Steine, Flaschen und schwelendes Feuerwerk. Im Saal 232 am Amtsgericht Rostock läuft ein Videomitschnitt der Polizei vom 26. Oktober 2013. Nach dem Drittligaspiel Hansa Rostock gegen den Halleschen FC waren rund 300 Hansa-„Fans“ auf Gäste-Anhänger und Polizei losgegangen. Acht Polizisten wurden verletzt, mehrere Einsatzwagen demoliert, einige Tausend Euro Schaden angerichtet.

Nun arbeitet die Justiz die Ereignisse auf: In einigen Fällen blieb es bei Strafbefehlen, in anderen sitzen Beteiligte vor Gericht. Am Dienstag sind
zwei junge Männer vorgeladen. Die Staatsanwältin klagt sie wegen Landfriedensbruch und Verstoß gegen das Versammlungsgesetz an – es drohen
Freiheitsstrafen bis drei Jahre.

„Wann beim Reinrutschen haben Sie sich verkleidet?“

Michael (23), Rohrleitungsbauer aus einem Dorf bei Rostock, sagt, er sei nach Abpfiff „einfach mitgelaufen“. Seit er zehn Jahre alt ist, geht er zu Hansa, zuletzt etwas weniger, da er an den Wochenenden seinen dreijährigen Sohn betreut. Auch Felix (27), Zimmerer aus Grevesmühlen, behauptet, er sei „irgendwie reingerutscht“ in den Exzess. Seinen Stammplatz in der Hansakurve will er nicht aufgeben, Randalierern jedoch künftig aus dem Weg gehen. Der eine wie der andere bestreitet, Gewalttaten verübt zu haben.

Mitgelaufen und reingerutscht? Vom Richter gibt’s angesichts solch lapidarer Aussagen klare Worte: „Wann beim Reinrutschen haben Sie sich denn verkleidet?“ Felix trug Basecap, Sonnenbrille und Hansa-Schal. Michael hatte sich mit Schal und Kapuze vermummt. Ob den Angeklagten klar sei, dass ein Steinwurf auf einen Menschen tödlich enden könne? Dass ohne die Schutzausrüstung der Polizei weit mehr hätte passieren können?  Dass jeder in einer Schar von Randalierern als Mittäter einer Körperverletzung angeklagt werden könnte, egal, ob er selbst den Stein geworfen oder den Werfer angeheizt habe?

Markante Kleidung entlarvt vorbestraften Zimmerer

Konkrete Handlungen können den beiden jungen Männern nicht bewiesen werden. Im aggressiven Mob und auf dem unübersichtlichen Terrain kann ein Einzelner zu leicht abtauchen. Am Ende nimmt der Richter ihnen das eingestandene Mitläufertum ab. Michael, der zum ersten Mal mit Justitia ringt und auf Rechtsbeistand verzichtet hat, erhält eine Geldstrafe: 40 Tagessätze zu je 50 Euro. Er stimmt sofort zu und geht erleichtert nach Hause.

Felix war mit seiner markanten Kleidung mehrfach auf Mitschnitten von Polizei und Stadionkamera zu erkennen – von wegen „reingerutscht“. Er nutzt die Chance zum Schlusssatz – „Soll nicht mehr vorkommen.“ – wohl vor allem, weil er sich mit Prozessen auskennt. Sein Strafregister ist lang, für Drogendelikte hat er bereits eine Jugendstrafe abgesessen. Zu einer Geldstrafe, die er derzeit abstottert, kommen nun also erneut 90 Tagessätze à 45 Euro.

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