Gefahr:

Land drückt Pflicht zur Berufsschule durch

In den Firmen bleiben Lehrstellen frei, weil sich nicht genügend junge Leute bewerben. Nach dänischem Vorbild versuchen Produktionsschulen, auch Schulabbrecher für die Ausbildung fit zu machen. Steht das Modell nun vor dem Aus?

Produktionsschulen bieten lernschwachen Schülern einen Weg ins Berufsleben.
Jens Büttner Produktionsschulen bieten lernschwachen Schülern einen Weg ins Berufsleben.

Sie bauen Kräuter an, betreiben eine eigene Imkerei, bewirtschaften einen Fischteich, zimmern Sitzbänke oder kochen für die Kollegen das Mittagessen. Die jungen Leute im Alter zwischen 15 und 25 Jahren, die in eine der knapp zehn Produktionsschulen im Land gehen, arbeiten nicht für den „Papierkorb“. Die Erzeugnisse werden verkauft.

Eine Idee aus Dänemark, die in Mecklenburg-Vorpommern vor gut zehn Jahren auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Das Besondere: Die Mädchen und Jungen haben Schule oder Lehre abgebrochen und besitzen keinen Abschluss.

Zwei Tage Berufsschule?

Doch das System gerät ins Wanken, warnt Holger Kiehn, Leiter der Produktionsschule in Waren. Seit er von den Plänen des Schweriner Bildungsministeriums erfahren hat, dass die unter 18-Jährigen ab sofort an zwei Tagen in der Woche auf die Berufsschule gehen sollen, kennt er keine ruhige Minute mehr. „Jetzt bieten wir täglich zwei bis drei Stunden Unterricht an. Dann folgt die praktische Arbeit, bei der die jungen Leute testen können, was ihnen besonders gut liegt“, erläutert er das Prinzip.

„Es geht doch darum, die Jugendlichen aufzufangen, denen der Start ins Arbeitsleben schwer fällt“, erklärt Ulrich Paetsch. Der Chef der Müritzfischer leitet den Beirat der Produktionsschule, in dem Vertreter aus der Wirtschaft die Einrichtung begleiten. Durch die Mischung von Theorie und Praxis könnten die jungen Leute, die Lernschwierigkeiten haben und sich oft erst an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen müssten, in der Produktionsschule viel individueller als in den Klassen der Berufsschule betreut werden, sagt er. „Deswegen werden wir alle Hebel in Bewegung setzen, damit das so bleiben kann“, kündigt Paetsch an.

Widerspruch zum Koalitionsvertrag

Der Erhalt der Produktionsschulen in Orten wie Waren, Rothenklempenow, Wolgast, Stralsund oder Rostock wird im Koalitionsvertrag der rot-schwarzen Landesregierung garantiert. „Das Bildungsministerium muss sich jetzt bekennen“, fordert Helmut Holter, Fraktionschef der Linken im Landtag.

Als einstiger Arbeitsminister hatte er das dänische System der Produktionsschulen importiert. Im Kern gehe es darum, dass sich die Mädchen und Jungen freiwillig auf eine Lehre vorbereiten können. „Die Jugendlichen in die Berufsschule zu schicken, entspricht nicht dem Gedanken der Produktionsschule“, erklärt er. Dem Bildungsministerium geht es offenbar darum, die vorhandenen Berufsschulen mit den Produktionsschülern besser auszulasten. Das Land halte dort die Lehrerkapazitäten für die schulpflichtigen Jugendlichen im Alter bis zu 18 Jahren vor, sagte ein Sprecher auf Nordkurier-Nachfrage. Den Produktionsschulen bleibe die „praktische Unterweisung“ und die sozialpädagogische Begleitung. In begründeten Ausnahmefällen könne aber wie bisher durch die Schulämter eine Befreiung von der Schulpflicht erfolgen.

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