Nach Aufmarsch in Demmin:

Massive Kritik an Polizei-Einsatz bei NPD-Demo

Am Rande des Aufmarschs der Rechten in Demmin schlägt die Gewalt hohe Wellen. Danach entzündet sich Kritik am Vorgehen der Beamten: Erfolgte es den Umständen entsprechend oder einfach nur brutal?

Die NPD demonstriert, die Gegendemonstranten blockieren und provozieren – und mittendrin die Polizei.
Robert Kiesel Die NPD demonstriert, die Gegendemonstranten blockieren und provozieren – und mittendrin die Polizei.

Nach Demonstranten schnappende Polizeihunde, brutal zu Boden gebrachte Protestierer, von der Straße geschubste Passanten – Szenen wie diese werden den Zeugen des Polizeieinsatzes am Rande der NPD-Demonstration am Donnerstagabend in Demmin lange in Erinnerung bleiben. Kritik äußerten sie am Vorgehen der rund 500 eingesetzten Polizisten. Die Fraktion der Linken im Landtag kündigte an, Innenminister Lorenz Caffier (CDU) zu den Geschehnissen anhören zu wollen.

Dabei hatte der Protest-Tag gegen den jährlichen Aufmarsch der Rechtsextremen so friedlich begonnen. Am Nachmittag lockte ein buntes Fest auf den Marktplatz, später beteiligten sich etwa 200 Teilnehmer an einem Mahnspaziergang quer durch die Stadt. 

Mann verlor Bewusstsein und musste sich übergeben

Zur selben Zeit trafen am Bahnhof die ersten NPD-Anhänger, unter ihnen Parteichef Udo Pastörs sowie der vor wenigen Wochen aus dem Gefängnis entlassene Hardliner Sven Krüger, ein. Um 20 Uhr setzte sich der Zug von etwa 170 Teilnehmern in Bewegung. Durch Gegendemonstranten errichtete Sitzblockaden wurden entweder umgangen, oder die Rechtsextremen wurden in nächster Nähe an den Protestierern vorbeigeführt. Der Protest war lautstark, aber friedlich.

Wenig später war es damit vorbei. Kurz hinter dem Luisentor knieten am Straßenrand zwei Polizisten auf dem Rücken eines jungen Mannes. Laut Polizei hatte dieser bei der Auflösung einer Sitzblockade „erheblichen und massiven Widerstand“ geleistet und dabei drei Beamte verletzt.

Polizeihunde schnappen nach Demonstranten

Zeugen beklagten dagegen das brutale Vorgehen der Beamten und mussten tatenlos mit ansehen, wie der Mann das Bewusstsein verlor, sich übergab und zu krampfen begann. Ein Rettungswagen brachte ihn später in das Uniklinikum Greifswald. Gerüchte, wonach er auf dem Weg dorthin ins künstliche Koma versetzt wurde, wurden nicht offiziell bestätigt.

Während die NPD’ler längst weitergezogen waren, ereignete sich am Hafen, dem Ziel ihrer Demonstration, ein weiterer Zwischenfall. Nachdem 20 bis 30 Demonstranten eine Barrikade durchbrochen und sich zu einer Blockade formiert hatten, ließen Polizeibeamte ihren Hunden lockere Leine.

Diese schnappten nach den Demonstranten, laut einer Sprecherin des Aktionsbündnisses 8. Mai wurden mehrere Menschen verletzt. Kurzzeitig drohte die Lage zu eskalieren. Kurz darauf fuhren an der selben Stelle zwei Wasserwerfer auf – da hatte sich die Situation jedoch längst wieder beruhigt.

„Wer andere angreift, kann nicht mit Milde rechnen“

Angesichts der Ereignisse äußerte die anwesende Landtagsabgeordnete Jeannine Rösler (Die Linke) massive Kritik am Vorgehen der Polizei. „Das war nicht deeskalierend, eher im Gegenteil“, sagte Rösler und kündigte an: „Wir werden das am Dienstag in der Fraktion besprechen und dann den Innenminister zu diesem Thema einladen.“ Der wiederum ließ per Pressemitteilung verbreiten: „Wer andere Menschen gezielt angreift kann nicht mit Nachsicht oder Milde rechnen.“

Gezielte Angriffe seitens der Demonstranten, die teilweise auch aus Berlin und Hamburg angereist waren, hatten Augenzeugen nicht ausmachen können. „Ich habe an keiner Stelle gewalttätige Demonstranten gesehen, die Polizeibeamte angegriffen hätten“, sagte Petra Schmelzer aus Neubrandenburg. Die Erlebnisse vor Ort hätten sie „schockiert“. Eine ebenfalls an den Protesten beteiligte Lehrerin aus dem Demminer Raum sagte gegenüber dem Nordkurier: „Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen und fand es schlimm.“

Hintergrund: Der Zweite Weltkrieg in Demmin

In Demmin war es 1945 zu einem Massenselbstmord gekommen, über den bis 1989 niemand sprechen durfte. Historiker sehen Massenvergewaltigungen und andere Exzesse durch Soldaten der Roten Armee, die von Einheimischen teilweise provoziert worden seien, als Ursache. Über den Umfang gibt es unterschiedliche Angaben. Während einige Historiker von 1500 bis 2500 Toten in den letzten Kriegstagen sprechen, hat das Demminer Regionalmuseum durch Eintragungen in einem Friedhofsbuch und einem standesamtlichen Sterbebuch eine Zahl von 500 nachgewiesenen Toten ermittelt.

Weiterführende Links

Jetzt 4 Wochen zum Sonderpreis: Nordkurier digital testen!