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In Wolgast schlägt Merkel die pure Wut entgegen

Tomaten flogen auf ihr Auto, "Hau ab"-Rufe und Pfiffe: Bei der Ankunft von Angela Merkel in Wolgast schrien sich Demonstranten regelrecht die Wut aus dem Bauch. Massive Störungen ihrer anschließenden Rede wie in Torgau oder Finsterwalde blieben jedoch aus.

Fotos: Stefan Sauer/Montage Nordkurier In Wolgast hatten rund 150 Anhänger von NPD, AfD und rechten Initiativen auf Angela Merkel gewartet (links). Merkel wollte mit ihrem Auftritt auch den vorpommerschen CDU-Bundestagskandidaten Philipp Amthor unterstützen (rechts).

Laute "Hau ab"-Rufe und Plakate mit der Aufschrift "Merkel muss weg": Mit einem lauten Pfeifkonzert und Tomatenwürfen ist die in ihrer Limousine vorbeifahrende CDU-Bundesvorsitzende Angela Merkel am Freitagabend zur Kundgebung in Wolgast empfangen worden. Im Regen vor der Hufeland-Halle schlug der Regierungschefin der pure Hass entgegen. Der NPD-Landesvorsitzende Udo Pastörs brüllte der Kanzlerin hinterher, sich lieber in "die Höhle ihrer Anhängerschaft zu verkriechen als sich den Sorgen der Menschen stellen zu wollen".

Wut aus dem Bauch geschrien

Rund 150 Anhänger von NPD, AfD und rechten Initiativen schrien sich vor der Halle, in die die CDU am Freitagabend die Kundgebung kurzfristig wegen des Wetters verlegt hatte, ihre Wut aus dem Bauch. Anders als im sächsischen Torgau und Finsterwalde in Brandenburg, wo grölende Störer in dieser Woche mit Trillerpfeifen für die bislang wohl schlimmsten Wahlkampfauftritte der CDU-Chefin gesorgt hatten, konnte Merkel dann in der Halle vor rund 800 Zuhörern weitgehend störungsfrei einen Bogen durch das CDU-Wahlprogramm schlagen.

Zwei Zuhörer der Kundgebung werden herausgeführt: Sie hatten mit Zwischenrufen gestört. Einer hatte die Kanzlerin lautstark gefragt: "Wo ist das Christliche in Ihrer Partei?"

Merkel kommentiert die Pfiffe später

In der Halle halten CDU-Anhänger gedruckte Merkel-Plakate in die Luft, honorieren ihre Aussagen zur Bildungs- oder Rentenpolitik, die Notwendigkeit einer stärkeren Förderung ländlicher Regionen und ihre Kritik an der Kreisgebietsreform mit Applaus. "Es wird nicht immer besser, wenn man immer mehr zentralisiert", sagte Merkel. Damit traf sie den Nerv der Wolgaster, die in den vergangenen Jahren den Wegzug der Gerichte oder auch die Schließung der örtlichen Geburtsstation erleben mussten. Das südliche Vorpommern gehört zu den strukturschwächsten Regionen im Osten.

Gleich zu Beginn ihrer Rede nimmt Merkel Bezug auf die Demonstranten vor der Tür. "Da gibt es einige, die pfeifen und schreien. Ich glaube nicht, dass das ausreicht, Deutschland voranzubringen." Merkel appelliert in der Halle an die Menschen, ihre demokratischen Rechte zu nutzen. "Wahlen sind ein Fest der Demokratie." Die Störer vor der Halle erreicht sie damit nicht.

Auftritt in Strasburg

Zuvor hatte sich Merkel bei einem Wahlkampfauftritt in Mecklenburg-Vorpommern dafür ausgesprochen, künftig wieder mehr staatliche Institutionen in ländlichen Regionen anzusiedeln. Das sei nötig, um gleichwertigere Lebensverhältnisse herzustellen, erklärte sie am Freitag im uckermärkischen Strasburg (Kreis Vorpommern-Greifswald) vor rund 1000 Zuhörern. Die Lebensbedingungen in Deutschland seien so unterschiedlich wie noch nie, erklärte Merkel. "In Großstädten finden sie keine Wohnung mehr, in ländlichen Regionen finden sie keinen Arzt."

Der Auftritt in Strasburg mit dem 24-jährigen Wahlkreiskandidaten Philipp Amthor war der dritte Auftritt im Nordosten am Freitag. Dieser Wahlkreis 16 wird zu den besonders umkämpften Regionen gezählt, in denen die AfD auch große Chancen hat. Für ihre Rede, die zahlreiche Aspekte der Innen- und Außenpolitik beleuchtete, erhielt Merkel in ihrer uckermärkischen Heimat mehrfach Beifall. Aber auch deutlichen Protest: Ihre Rede in einer Sporthalle wurde kurz mit Pfiffen und "Merkel muss weg"-Rufen unterbrochen. Vor der Halle protestierten bei ihrer Ankunft etwa 25 Linke und einige NPD-Vertreter mit Trillerpfeifen. Bei ihrer Abreise demonstrierten nach Angaben der Polizei rund 200 Gegner an der Sporthalle gegen Merkel.

In Strasburg stellte Merkel zuvor finanzielle Unterstützung für die Länder beim öffentlichen Personennahverkehr in Aussicht. Dies sei auch in dieser Region wichtig, die sie als "Brücke zwischen ihrer Kindheit in der Uckermark und ihrer politischen Heimat" bezeichnete. Der Bund arbeite mit den Ländern zudem am Bürgerportal im Internet. "Jeder Bürger muss alle Dienstleistungen mit dem Staat mit nur einem Portal regeln können."

In Barth Tomaten gekauft

Ungewöhnlich begann sie ihren Auftritt in Barth. Sie kaufte auf dem Markt Tomaten, Kohlrabi, Gurken und Pflaumen für das Wochenende. Rund 300 Gäste hörten ihr dann im Regen zu. Auch dort stand die Förderung des ländlichen Raums im Mittelpunkt der etwa 40-minütigen Rede. Merkel sagte zu, dass die Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen in Stadt und Land ein zentraler Punkt in einer möglichen vierten Amtszeit als Kanzlerin sein werde.

Während ihrer Rede in Barth wurde sie gelegentlich von Pfiffen oder Zwischenrufen gestört und konterte dies mit den Worten: "Es ist so schön, dass wir in der Freiheit leben und jeder schreien kann, was er will."

Auftakt mit Kindern in Stralsund

Den Kindern in Stralsund hatte sie verraten, dass "Max und Moritz" und "Emil und die Detektive" ihre Lieblingslektüre zu Kinderzeiten waren und sie in diesem Sommer eine Biografie über den Komponisten Dimitri Schostakowitsch und einen Thriller von Robert Harris gelesen habe.

Zudem beichtete Merkel, früher bei Schullektüre selbst auch mal geschummelt zu haben. "Als wir früher einmal dicke Bücher lesen mussten, haben wir uns auch mal eins geteilt. Der Eine hat die erste Hälfte gelesen, der Andere die zweite. Dann haben wir, wenn uns unser Lehrer später gefragt hat, was drinnen stand, unser Wissen zusammengetragen", sagte Merkel.

Die rund 1400 Grundschüler in Stralsund wollen im Rahmen des Projekts "Büchertürme" in diesem Schuljahr den Turm der Jakobikirche "erlesen". Das bedeutet, dass sie etwa 7000 Bücher lesen müssen, die aufeinandergestapelt einen etwa 68 Metern hohen Turm ergeben.