Vorwürfe gegen die Schönhof GmbH:

Misshandlungen im Jugendheim?

Die Konflikte im Jugendheim Schönhof Salow beschäftigen die Justiz. Ehemalige Bewohner der Einrichtung haben Strafanzeige gegen die Betreiber gestellt. Unter anderem wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Verletzung des Post- und Fernmeldegeheimnisses. Gewalt, psychische Folter und Willkür sollen den Heim-Alltag geprägt haben. Die Betreiber des Heims weisen die Vorwürfe entschieden zurück.

Das Jugendheim Schönhof Salow: Hier sollen sich furchtbare Dinge zugetragen haben.
Anett Seidel Das Jugendheim Schönhof Salow: Hier sollen sich furchtbare Dinge zugetragen haben.

Die Geschichten über das Jugendheim Schönhof Salow, in dem schwer erziehbare Jugendliche leben, lassen im Kopf ein klares Bild entstehen – ein eingezäuntes Gebäude mit dicken Gitterstäben vor den Fenstern. Doch wer zu dem Jugendheim in Datzetal-Salow fährt, ist überrascht. Frei zugänglich stehen die Gebäude in dem kleinen Ort nahe Friedland. Neben der Dorfkirche und dem Spielplatz. Ein Betreuer des Heims steht rauchend vor dem Grundstück am Straßenrand. Auf dem Gelände selbst ist das Qualmen verboten.

"Freiwillig dahin - niemals!"

In dem Jugendheim hat Letizia (Name von der Redaktion geändert), die zu den ersten Bewohnern des 2012 eröffneten Hauses gehört, eineinhalb Jahre lang gelebt. Am Telefon klingt die Stimme der heute 19-Jährigen trotzig, fast abwehrend. Warum sie dorthin kam? „Das weiß ich nicht“, sagt sie. Tatsache ist: Ihre Jugend verlief nicht einfach. Ewiger Krach mit den Eltern, Alkohol und falsche Freunde, sagt sie. Mit 15 Jahren zog sie von Zuhause aus und übernachtete danach abwechselnd bei Freunden und bei Notdiensten. Ihre Sozialarbeiterin schlug ihr vor, nach Schönhof Salow zu gehen. Letizia lehnte ab. „Freiwillig dahin – niemals!“ Später sei sie unter Vortäuschung falscher Tatsachen in das Heim gelockt worden, sagt sie. Und als sie dort war, hätten die Mitarbeiter sie gepackt und in ihr zukünftiges Zimmer gezerrt. „Bestimmt eine Woche lang durfte ich es nicht verlassen und hatte keinen sozialen Kontakt“, sagt sie. Nachdem sie das Heim verlassen hatte, stellte sie 2014 Anzeige.

Die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg ermittelt wegen Freiheitsberaubung, Körperverletzung und Verletzung des Post- und Fernmeldegeheimnisses. Mit den Vorwürfen konfrontiert weisen die Betreiber sie zurück, wollen mit Blick auf das schwebende Verfahren jedoch keine inhaltliche Erklärung abgeben.

Schwere Vorwürfe eines früheren Mitarbeiters

Edgar Sigmund (Name von der Redaktion geändert) war nach der Eröffnung des Heims für kurze Zeit dort als Mitarbeiter tätig. Er bestätigt einige der Vorwürfe, die die Jugendlichen gegen das Heim erheben. Er sagt: In der Schönhof GmbH seien Menschen untergebracht, die öfters ausrasten. Manche müsse man bei einem Wutanfall festhalten und beruhigen.  Mehr als einmal habe er in der Schönhof GmbH aber einen deutlich härteren Umgang mit den Bewohnern beobachtet. „Jugendlichen wurde der Arm verdreht, sie wurden auf den Boden gezwungen und mit der Hand auf dem Kopf wurde das Gesicht auf die Erde gedrückt.“ Teilweise klingt es unglaublich, was Edgar Sigmund erzählt: Er berichtet von einem Anti-Aggressions-Raum für tobende Teenager, so klein, dass man nur stehen oder hocken könne. Schwierige Jugendliche hätten dort viel Zeit verbracht; anderen sei oft damit gedroht worden. Auch diesen Vorwurf weisen die Betreiber als falsch zurück. Gegen den früheren Mitarbeiter erheben sie schwere Vorwürfe und verweisen auf ein gegen ihn geführtes Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg. Die Betreiber des Heims werfen ihm vor, die Jugendlichen des Heims mit Zigaretten und Alkohol versorgt zu haben. Gründe, die zur Beendigung der Zusammenarbeit führten. Außerdem soll er Jugendlichen zur Flucht verholfen haben. In der Tat liegen und lagen gegen ihn Anzeigen wegen Kindesentführung und sexuellen Missbrauchs vor, räumt Edgar Sigmund ein. Letztere ist nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Neubrandenburgs allerdings eingestellt worden.

Straftäter und Schulschwänzer finden hier ein Zuhause

Auf seiner Homepage bezeichnet sich der Träger als „intensivpädagogisches-therapeutisches Kinder-, Jugend- und Elternzentrum“. Ziel sei es, mehrfach psychisch erkrankte Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren. Aber auch Jugendliche, die Straftäter sind, über Jahre die Schule schwänzen oder in allen anderen Heimen gescheitert sind. Der Anspruch des Heims: Leid mit Hilfe einer garantiert gewaltfreien Erziehung zu lindern. 2012 hat die Einrichtung bis zu 18 Jugendliche aufgenommen, inzwischen wurde die Zahl auf zwölf verringert.

Ingmar Schmücker, einer der Geschäftsführer der privaten Einrichtung, verabredet zunächst ein Treffen mit dem Nordkurier. Er will seine Sicht der Dinge schildern. Kurz vor dem Treffen wird der Termin abgesagt. Ingmar Schmücker glaubt, dass der Nordkurier nicht objektiv berichte. Später folgt eine Email des Anwalts der Schönhof-Salow Einrichtung, in der dem Nordkurier vorgeworfen wird, unzulässige Verdachtsberichterstattung zu betreiben. In einem späteren Telefonat wird erklärt, dass es wegen des Datenschutzrechts für die Betreiber sehr schwer sei, sich zu verteidigen.

Ziel: Selbstbestimmtes Leben für die Jugendlichen

Mit den Vorwürfen der früheren Bewohner konfrontiert, verweisen die Betreiber darauf, dass die Einrichtung eine Betriebsgenehmigung habe. Den Betreibern liege sehr daran, dass die Jugendlichen in ihrer Einrichtung weiterhin engagiert und störungsentsprechend betreut und auf dem Weg in ein selbst verantwortetes Leben begleitet würden. Dazu trügen Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter und Pädagogen bei, die sich ihrer Aufgabe gegenüber den Jugendlichen , die auf verschiedenen Ebenen schwierig seien und Schwierigkeiten machten und in vielen Einrichtungen bereits gescheitert seien, immer bewusst seien.

Professor Michael Lindenberg, der in Hamburg an der Evangelischen Hochschule Soziale Arbeit lehrt, hat sich mit dem Heim beschäftigt. In seinem Aufsatz „Die Jugendhilfeeinrichtung „Schönhof“ in Mecklenburg Vorpommern und ihre Parallelen zur „Haasenburg“ wirft er der Einrichtung vor, dass dort der gewaltförmige Geist der „Haasenburg“ herrsche. Die „Haasenburg-Heime“ in Brandenburg wurden nach Misshandlungsvorwürfen 2013 geschlossen. In einer Stellungnahme zu diesem Aufsatz widersprechen die Betreiber diesen Aussagen. So schreiben sie unter anderem: „Die Aussage, dass im „Schönhof“ der gewaltförmige Geist der „Haasenburg“ herrscht […] verleumdet die Einrichtung öffentlich in schwerwiegender Weise. Es wird ein Menschenbild [...] als vorhanden unterstellt, welches weder im Sinne der Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtung liegt, noch in der Alltagspraxis.“

Einiges ist inzwischen anders

Mit den Vorwürfen konfrontiert, erklärt Jörg Rabe, Direktor des Kommunalen Sozialverbandes, zu dem das Landesjugendamt gehört, dass nach Bekanntwerden der Vorwürfe geprüft wurde, ob die Voraussetzungen für die Erteilung der Erlaubnis weiter bestehen. Die Schönhof GmbH wurde damals darauf hingewiesen, sich an das Post- und Fernmeldegeheimnis zu halten. „Auch wenn seitens der Einrichtung die Maßnahme als Schutzmaßnahme gesehen worden ist“. Einiges habe sich inzwischen geändert: So sei das Mindestalter für die Aufnahme jetzt 14 Jahre und nicht mehr wie früher 12. Zudem werde der Anti-Aggressions-Raum nicht mehr genutzt.

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Kommentare (1)

Das kein Jugendlicher freiwillig in eine soche Einrichtung kommt ist doch logisch . Diese Jugendlichen,waren schon in mehren Heimen,wo sie alle gescheitert sind. Die gleiche Debatte hatten wir hier schon über die Haasenburg Einrichtungen .Ihr Verhalten,hat dazu geführt,dass sie diese Einrichtungen aufsuchen mussten. Ich habe auch kein Verständnis dafür,dass im nachhinein,gegen diese Einrichtung nachgetreten wird.