Kein MSC-Siegel:

Ostseehering bald unverkäuflich?

Die Fischer bangen um Absatz und Preise. Weil für den Ostseehering ein Fischmanagement fehlt, gibt es kein Ökosiegel. Das macht den Ostseehering in Deutschland zunehmend unverkäuflich.

Der Chef der Fischereigenossenschaft Stahlbrode, Bernd Schütze bangt um den Absatz für seinen Hering.
Stefan Sauer Der Chef der Fischereigenossenschaft Stahlbrode, Bernd Schütze bangt um den Absatz für seinen Hering.

Der milde Winter treibt die ersten Heringe in die küstennahen Gewässer Vorpommerns. Rund 20 Kilogramm von dem silberglänzenden fetten Fisch haben die Fischer des Küstendorfes Stahlbrode am Mittwoch aus dem Strelasund zwischen der Insel Rügen und dem vorpommerschen Festland geholt. Die ersten wenigen Silberlinge des Jahres gehen in die Direktvermarktung am Hafen - nicht nur wegen der noch geringen Menge, auch weil es für den diesjährigen Ostseehering noch keine Industriepreise gibt. „Wir befürchten, dass die Preise in diesem Jahr sinken werden“, sagt der Chef der Fischereigenossenschaft, Bernd Schütze. Nach einer bereits von der EU beschlossenen Fangquotenkürzung von 23 Prozent in 2014 für ihren „Brotfisch“ Hering wäre das der zweite herbe Rückschlag.

Hintergrund für den erwarteten Preisrückgang: Im Gegensatz zum Artgenossen aus der Nordsee ist der Ostseehering nicht mit einem Ökosiegel zertifiziert. Ohne MSC-Siegel (Marine Stewardship Council), das inzwischen auf den meisten Fischkonserven und Tiefkühlprodukten im Supermarktregal prangt, nehmen Handelsketten wie Edeka oder Aldi Heringsprodukte aus der Ostsee kaum noch ab. Der Fisch wird in Deutschland zunehmend unverkäuflich. „Das Hauptvermarktungsfeld für den Ostseehering über die Großhandelsketten ist so gut wie zusammengebrochen“, sagt der Betriebsleiter des EuroBaltic-Fischwerks in Sassnitz, Uwe Richter.

Sogar die Polen wollen nur noch Fisch mit Siegel

Das Werk ist einer der europaweit größten Heringsverarbeiter und -vermarkter. Rund 50 000 Tonnen Hering aus der Nord- und Ostsee werden in dem Werk auf der Insel Rügen jährlich zu Filets und Marinadeprodukten veredelt. Inzwischen signalisierten sogar Kunden in Polen, nur noch zertifizierten Fisch abnehmen zu wollen, beklagt Richter. „Wenn wir den Fisch nicht mehr absetzen können, müssen wir die Preise nach unten korrigieren.“

Fischer Schütze versteht die Welt nicht mehr: Die traditionelle Stellnetzfischerei, die die vorpommerschen Küstenfischer seit Jahrhunderten mit ihren kleinen Booten betreiben, gilt als hochselektiv und deshalb als nachhaltig und bestandsschonend - beste Voraussetzungen, um sich den Hering mit einem Nachhaltigkeitssiegel, dem MSC-Siegel, zertifizieren zu lassen.

Doch die Heringsfischer in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein leiden unter einem EU-internen Streit. Für den westlichen Ostseehering, den sie fangen, gibt es keinen von der EU abgesegneten Managementplan. Der Nachweis eines Fischmanagements ist neben dem Nachweis eines stabilen Fischbestandes und geringer Umweltauswirkungen jedoch eine von drei Säulen, die für eine MSC-Zertifizierung erforderlich wären. „Ursache ist ein interinstitutioneller Konflikt zwischen EU-Parlament und Ministerrat“, sagt der Leiter des Rostocker Instituts für Ostseefischerei, Christopher Zimmermann. Weder Parlament noch Ministerrat wolle die Entscheidungskompetenz an die andere Seite abgeben. So liege der Heringsmanagementplan wie auch die dringend erforderliche Anpassung des Managementplans für den westlichen Ostseedorsch seit Jahren auf Eis, beklagt der Wissenschaftler.

Hoffen auf eine Einigung zwischen EU und Norwegen

Trotzdem sieht Zimmermann Chancen für die Zertifizierung von Ostseehering: Norwegen, das im Skagerrak auch den westlichen Ostseeheringsbestand befischt, und EU haben sich im Sommer 2013 über eine bilaterale Lösung zur Bewirtschaftung des Herings verständigt. Sollte die Einigung Ende Januar 2014 schriftlich formalisiert werden, könne das für einen Nachweis des Fischmanagements ausreichen, so der Fischereibiologe, der neben seinem Job in der Bundesbehörde auch Vorsitzender des Technischen Beratenden Gremiums des Marine Stewardship Councils (MSC) ist.

Den Heringsverarbeitern rennt die Zeit weg, für die Fischer entlang der deutschen Küste von Flensburg bis Usedom wird die Luft immer dünner. Das Sassnitzer EuroBaltic-Fischwerk hat 2007 mit dem Zertifizierungsverfahren für den Betrieb begonnen und seitdem einen hohen fünfstelligen Betrag investiert. Sollte die Zertifizierung für den Ostseehering nicht im ersten Halbjahr 2014 kommen, erlischt die Zertifizierung des Betriebes. „Dann haben wir umsonst sehr viel Geld in die Hand genommen“, sagt Firmenchef Richter. Das Verfahren müsste in einem zweiten Anlauf von vorn beginnen.

Zertifizierung ist teuer

Die Fischer hoffen, dass der Hering vermarktbar und Preise stabil bleiben. Die Zertifizierung sei mit Kosten in einem vier- oder fünfstelligen Bereich kein „Pappenstiel“, sagt der Vizechef des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer in MV, Michael Schütt. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, gebe es aber kaum eine Alternative dazu. Die Lage der Fischer ist angesichts der Fangmengenbeschränkungen und Umweltauflagen bereits bedrohlich genug. Im Jahr 1991 zählte MV noch rund 1000 Küstenfischer. Heute gibt es nur noch 277 Küstenfischer, die hauptberuflich Dorsch und Hering nachstellen.

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