Drogen und Lederjacken:

Polizei steht Spalier für Ex-Rockerboss

Wieder einmal geht es um Drogengeschäfte im Rockermilieu. Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen hat der Prozess gegen den früheren Anführer der „Schwarzen Schar MC Wismar“ begonnen, den Club, der seit einem Jahr verboten ist.

Philip S. wurde in Fuß- und Handfesseln von einem Polizeiaufgebot in den Gerichtssaal geführt.
Jens Büttner Philip S. wurde in Fuß- und Handfesseln von einem Polizeiaufgebot in den Gerichtssaal geführt.

Es wimmelt von Polizisten im Landgericht Schwerin am Dienstagvormittag. Die Uniformierten stehen Spalier vor Saal 7. Dort beginnt der Prozess gegen Philipp Carl S. (36), einst Anführer des Rockerclubs „Schwarze Schar MC Wismar“, der seit einem Jahr wegen krimineller Machenschaften verboten ist. Besucher der Verhandlung müssen sich ausweisen und eine Sicherheitsschleuse passieren. Doch wider Erwarten finden sich kaum Zuschauer ein, keine Spur von grimmigen Stiernacken und aufgemotzten Lederjacken. Sie hätten ohnehin kaum Platz gefunden, Saal 7 ist winzig.

Gegen vier Ex-Rocker wird bereits verhandelt

Ein halbes Dutzend Ordnungshüter begleitet Philipp S., der seit Juli in Untersuchungshaft sitzt, zur Anklagebank. Der Staatsanwalt wirft ihm bandenmäßigen Drogenhandel vor. Es geht um Taten von Anfang 2013 bis Frühjahr 2014, begangen mit drei ehemaligen Schar-Gefolgsleuten. Sie sollen über einen Strohmann ein abgelegenes Haus in der Nähe von Wismar gekauft, im Dachgeschoss Hanfpflanzen gezogen und als Cannabis verkauft haben.

Darüber hinaus, so der Ankläger, habe sich die Bande im Raum Bremen Kokain beschafft, um hierzulande damit zu handeln. Schon seit September wird darum am Landgericht Schwerin gegen vier Ex-Rocker verhandelt. Zwei von ihnen waren im März bei der Rückkehr vom Drogen-Einkauf in Bremen an der Autobahnabfahrt Wismar-Mitte von der Polizei erwartet und festgenommen worden.

Drogengeschäft und Banalität auf Tonbändern

Kriminalisten war es gelungen, die Gespräche während der Fahrt abzuhören, und so belastende Erkenntnisse über die Geschäfte der Wismarer zusammenzutragen. Das Gericht hört sich stichprobenartig durch das Gerede der Männer, das besser verständlich wird, als der Richter im Nachhinein die Gesprächsprotokolle verliest.

Von Banalitäten ist ebenso zu hören wie vom Drogengeschäft: Von der „Alten, die sitzt zu Hause wie auf Kohlen“ oder wie schön es wäre, in Bremen „mal zwei, drei Tage freizuhaben mit Saufen und paar Grämmerlein“ (Koks oder Cannabis?). Da erklärt einer dem anderen ausführlich die Kunst der Hanfzucht unterm Dach des Zweifamilienhauses, die Notwendigkeit, dass „Philipp seine Anteile bekommt“ und die Aussicht, dass „Grobi Philipp seine Anteile übernimmt“. Mit dem Ausruf „Scheiße“ enden die Mitschnitte. „Danach wird es laut“, sagt der Vorsitzende Richter der Strafkammer im Hinblick auf den folgenden Polizeieinsatz.

Angeklagter streitet Bandenzugehörigkeit ab

Philipp S. streitet alle Vorwürfe ab. Er verliest eine Erklärung, wonach er schon seit längerem kein gutes Verhältnis mehr zu seinen Spießgesellen hatte. Insbesondere mit demjenigen, der das Haus zur Hanfzucht nutzte, sei es aus privaten Gründen zu einem Zerwürfnis gekommen. Zwar habe er von den Hanf-Plänen gewusst und dem Initiator Geld geliehen, jedoch nie vom Anbau profitiert oder gar einer Bande angehört. Darüber hinaus überlässt Philipp S. das Reden seinem Rechtsbeistand Wolfram Nahrath, einem Leib-und-Magen-Anwalt in der rechtsextremistischen Szene. Auch er pocht darauf, dass es keine Bande gab.

Sogar das Gericht zweifelt, ob sich der Vorwurf des bandenmäßigen Vorgehens erhärten lässt. Bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz beträgt die Mindestfreiheitsstrafe fünf Jahre für eine Bande, nur ein Jahr hingegen für Taten ohne solch einen Hintergrund. Am Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt.

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