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So kommentieren andere Zeitungen die Landtagswahl

Wie sehen andere Zeitungen und Online-Medien die Wahl in MV? Hier ist ein Überblick.

Die Wolken hängen tief über dem Schweriner Schloss am Montag nach der Wahl.
Daniel Bockwoldt Die Wolken hängen tief über dem Schweriner Schloss am Montag nach der Wahl.

Für fast alle deutschen Zeitungen ist heute der Ausgang der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern das Thema. Besonders im Fokus sind dabei das Ergebnis der AfD, die die CDU in der Wahlheimat der Bundeskanzlerin das Fürchten gelehrt hat. Hier ein unvollständiger Überblick:

Stuttgarter Zeitung: Kaum ein Bundesland, in dem der Fremdenverkehr einen so hohen Anteil an der Wirtschaftsleistung hat wie in Mecklenburg-Vorpommern. Ausgerechnet dort kommen die fremdenfeindlichen Parteien AfD und NPD zusammen auf fast ein Viertel der Wählerstimmen. Das gilt es als wichtigstes Ergebnis neben der Bestätigung des SPD-Ministerpräsidenten Erwin Sellering im Amt festzuhalten. Wobei es nur ein schwacher Trost ist, dass die NPD nun auch aus diesem Landtag fliegt. Allerdings: es gibt in Deutschland ein nationalistisches, rechtes Wählerpotenzial. Es ist erheblich.

Kölner Stadtanzeiger: Die AfD wird im Norden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mitregieren. Aber sie wird eine sehr starke Fraktion stellen. Sie wird auch dort zeigen müssen, ob sie überhaupt eine Alternative für Deutschland kennt, die mehr ist als ein Gefühl. Ob sie den Menschen, deren Stimme sie bekommen hat, auch eine Stimme geben kann, die nicht nur schreit. Zweifel daran sind sehr angebracht.

Märkische Oderzeitung: „Für die CDU wurde der Schlingerkurs von Parteichef Lorenz Caffier zu einem Debakel. Punktete der Innenminister vor Monaten noch als Fleißarbeiter und Krisenmanager, hat er weder als Hardliner bei der inneren Sicherheit, noch als Warner vor Kriminalität von Asylbewerbern überzeugt. Zu durchsichtig war sein Bemühen, der AfD am rechten Rand Stimmen abzujagen. Selbst CDU-Anhänger wollten lieber den SPD-Mann Erwin Sellering zum Ministerpräsidenten als ihren eigenen Spitzenmann. Für Sellering ist das Wahlergebnis eine Bestätigung seiner Politik. Er ist im Land beliebt und wird auch künftig der Regierungschef bleiben. Sein Sieg wird bei der Bundespartei Freude auslösen, aber auch die Debatte anheizen, wie man mit dem raketenhaften Aufstieg der Rechtspopulisten umgehen will. Ein Fünftel der Bevölkerung nur zu beschimpfen, weil es die falsche Partei gewählt hat, das wird nicht reichen.

Berliner Zeitung: Die AfD ist in ihrer heutigen Gestalt und Einflussbreite ohne den Krieg in Syrien und die Fluchtbewegungen aus den arabischen und afrikanischen Ländern nicht zu denken. Die Partei hat 2015 geschickt umgeschwenkt. Der Euro ist kein Thema mehr, heute mobilisiert sie ihre Wähler einzig und allein mit der Angst vor Fremden. Ihre Lösung: Abschottung. Wer heute AfD wählt, wählt keine real existierende Partei. Er wählt Protest und eine Stimmung. Die AfD bietet sich als ideale Projektionsfläche für Wut, Resignation, Gefühle von Benachteiligung und vor allem Angst an. Keine etablierte Partei, keine anständige Partei macht den Menschen vor, sie könne ihnen die Unwägbarkeiten des Lebens abnehmen. Die AfD tut genau das.

Freie Presse: Inzwischen und spätestens mit der gestrigen Wahl im Nordosten scheint die Botschaft der Unzufriedenen aber bei Merkel und ihrem Koalitionspartner SPD angekommen zu sein. Im Jahr vor der Bundestagswahl 2017 hat das schwarz-rote Kabinett diverse Gesetze auf den Weg gebracht, die den Bürgern das Gefühl geben sollen, dass ihr Sicherheitsbedürfnis von der Politik ernstgenommen wird. Ob das ausreicht, um verloren gegangenes Vertrauen dauerhaft zurückzugewinnen, ist fraglich. Selbst wenn es den Regierenden gelingen sollte, den Menschen ihre bisherigen Ängsten zu nehmen, wird die AfD flugs neue Ängste finden. Das ist ihr schlichtes, aber wirkungsvolles Erfolgsrezept. Den etablierten Parteien steht somit fürs Erste ein anstrengendes Hase-und-Igel-Spiel bevor. Dauerhaft hat in der Politik aber nur derjenige Erfolg, der nachweisen kann, dass er für bestimmte Probleme die bessere Lösung hat. Die Etablierten haben das immer wieder unter Beweis gestellt. Für die AfD steht das hingegen noch aus.

Leipziger Volkszeitung: Das Aufspringen auf AfD-Themen ist der Union offenbar schlecht bekommen, da nimmt der Wähler dann doch gleich das Original. So ist der Absturz an der Ostsee nicht nur eine Niederlage für den CDU-Spitzenkandidaten Lorenz Caffier, sondern auch ein Signal in Richtung Berlin: Ist Merkels Kandidatur 2017 tatsächlich alternativlos? Ihre bundesweiten Umfragewerte und die der CDU sinken gerade.

Flensburger Tageblatt: Das Gefährlichste wäre für die etablierten Parteien ein "Weiter so", und daher ist das Abschneiden der AfD vielleicht sogar fruchtbar. Es ist ein Warnschuss, zumal selbst die Wähler der AfD gar nicht davon ausgehen, dass ihre Partei Wesentliches zur Lösung von Problemen beitragen könne. Es ging ihnen um just dieses Signal - das Signal von Enttäuschten und Besorgten. Allerdings kann man auch von den Wählern verlangen, dass sie vorausdenken. Das hat nichts mit Bevormundung zu tun, sondern damit, den Menschen das Notwendige abzuverlangen. Die Flüchtlingsfrage ist bereits weitgehend beantwortet, auch das gehört zur Wahrheit.

Badische Neueste Nachrichten: Das nennt man einen Schlag ins Kontor: Die AfD überflügelt die CDU und wird in Mecklenburg-Vorpommern zweitstärkste Kraft. Für Angela Merkel, die sich gerade im Fernen Osten mit den Mächtigen der Welt trifft, muss dies mehr als nur ein Warnsignal sein. Die Bundeskanzlerin hat ihren Wahlkreis im Nordosten der Republik, nur die Gefühlslage ihrer Mitbürger an der Ostsee- Küste hat sie wohl nicht richtig mitbekommen.

Berliner Morgenpost: Schon seit Monaten haben Parteistrategen die Umfragedaten für die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern sorgenvoll hin- und hergemailt. Die Meinungsforscher haben das Desaster kommen sehen, und jetzt ist es amtlich: Die sogenannte Alternative für Deutschland hat es in einem ersten Bundesland geschafft, sich erfolgreich als reale Alternative anzupreisen und sogar die CDU überholt. Die großen Parteien - und ganz besonders die CDU - sollten weniger über die AfD reden und mehr darüber, warum sie es nicht mehr schaffen, die Erwartungen ihrer Wähler zu befriedigen. Das geht nur mit Selbstkritik und der Bereitschaft, auch auf neue Themen zu setzen, die den Bürgern wirklich wichtig sind. Das hat nichts mit Anbiedern zu tun. Das ist der einzige Weg, der für eine große Volkspartei wirklich ohne "Alternative" ist.

Sächsische Zeitung: An ihrer Politik kann und muss Merkel nichts ändern. Sie selbst setzt bisher darauf, dass sich die zweifelnden Bürger am Ende durch gute Politik wieder zurückgewinnen lassen. Nur verfestigt sich allmählich der Eindruck, als gebe man ihr dafür nicht die nötige Zeit. Vielleicht ist es sogar so, dass es auf gute Politik gar nicht mehr ankommt, weil bei zu vielen das Vertrauen endgültig verloren ist. Es geht jetzt um die Frage, ob Merkel mit einer erneuten Kanzlerkandidatur die Stimmung für sich und ihre Partei ändern kann. Oder ob sie und ihre Partei zu dem Schluss kommen, dass mit ihr als Kanzlerin und Kandidatin keine Wahl mehr zu gewinnen ist. Es bleibt alles an Merkel hängen.

Münchner Merkur: In der Heimat der Kanzlerin haben sich Multikulti-Träume gestern in Albträume verwandelt: für Linke und Grüne, die ein Drittel ihrer Wähler verloren haben. Noch mehr aber für die Kanzler-Partei CDU, die in einer historischen Niederlage erstmals von den Rechtspopulisten geschlagen wurde. Merkel-Land ist abgebrannt. Der Siegeszug der AfD wird weitergehen, solange Merkel in der Migrationspolitik keine harte Kurswende nach dem Vorbild Schwedens oder Österreichs verkündet - oder aus dem Amt scheidet. Für sie, die einst unumschränkte Herrscherin, ist der Weg zur vierten Kanzlerkandidatur von Gnaden Seehofers noch quälender und demütigender geworden. Die Kanzlerin muss wissen, ob sie sich das antun will.

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