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Quer durchs Land zur Schule – wer soll das bezahlen?

Der erste Schritt ins Arbeitsleben und gleich zwei Stolperfallen: Schulstandorte werden über den Haufen geworfen, Schulwege länger. Und noch weiß niemand genau, wer welche Landeszuschüsse für Fahrkosten und Unter-bringung erhalten kann.

Zimmerer werden künftig in Rostock statt in Neustrelitz unterrichtet.
Patrick Seeger Zimmerer werden künftig in Rostock statt in Neustrelitz unterrichtet.

Zehn Wochen vor Beginn des neuen Lehrjahres greift der Frust um sich, Frust gegen das Bildungsministerium. Angehende Lehrlinge und ihre Eltern sind ebenso aufgebracht wie Lehrbetriebe, hat sich doch für 24 Berufe die zuständige Berufsschule geändert – über Nacht gewissermaßen. Berufsberater fürchten, dass manch Jugendlicher die Lehre hinschmeißt, bevor er sie überhaupt begonnen hat, oder aber nach dem Ausbildungsplatz greift, der halbwegs in der Nähe liegt, ohne Rücksicht auf Vorlieben und Talente. Längst wertet die Industrie- und Handelskammer die immer längeren Schulwege als „Standortnachteil“ im Wettstreit um Fachkräftenachwuchs. Hinzu kommt der Umstand, dass bislang noch niemand ausrechnen kann, ob und in welcher Höhe sich das Land an Fahrkosten und Unterbringung der Lehrlinge beteiligt. Von der „Richtlinie zur Gewährung von Zuschüssen“ ließ das Ministerium wissen, sie werde „in Kürze“ veröffentlicht.

Zur Erinnerung: Im Jahr 2000 hatten 70  000 Jugendliche eine Lehre begonnen, 2014 waren es 29  000. Ab September gibt es landesweit nur noch 23 Regionale Berufsbildungszentren samt Nebenstellen. Regelmäßig feilschen die Kommunen als Schulträger um die Zukunft ihrer Häuser nach dem Motto „Gibst du mir, geb ich dir.“ So werden beispielsweise ab September Fliesenleger und Zimmerleute von Neustrelitz nach Rostock geschickt, während Rostock Tischler und Holzmechaniker an die Mecklenburgische Seenplatte abgibt, konkret nach Waren. Wo sich Kommunen nicht einigen, entscheidet das Ministerium. Dort hieß es, dass die Abstimmung in diesem Jahr lange gedauert habe, so dass man nun spät dran sei.

Hürden für Zuschüsse waren viel zu hoch

Das „spät-dran-Sein“ gilt auch für die Landeszuschüsse für Fahrkosten und Unterkunft. Durchschnittlich acht Mal zwei Wochen im Jahr müssen Lehrlinge zum Blockunterricht an die Berufsschule. Wer nicht täglich pendeln kann, zahlt für Übernachtung und Verpflegung im Internat rund 18 Euro pro Tag. Bereits 2013 hatte das Land einen Hilfsfond über 100  000 Euro für Jugendliche aus Hartz-IV-Familien eingerichtet. Im ersten Jahr wurden davon nur 976 Euro in Anspruch genommen, im Folgejahr sah es ähnlich aus.

Nach Einschätzung von Fachleuten konnte das Angebot nicht genutzt werden, da die Hürden viel zu hoch waren. Sie zweifeln, ob sich das mit der neuen Richtlinie ändert. Immerhin stockt das Ministerium die Beihilfen auf 350  000 Euro auf. Lehrlinge, denen weniger als 500 Euro brutto im Monat zur Verfügung stehen, können einen Antrag stellen. Anders als zuvor spielt es künftig keine Rolle mehr, ob sich auch die Ausbildungsbetriebe an den Kosten beteiligen.

Kosten für längere Wege bleiben bei den Azubis hängen

Ausbildungsbetriebe sind verpflichtet, Lehrlingen eine Ausbildungsvergütung zu zahlen. Deren Höhe ist dort, wo noch Tarifverträge gelten, geregelt. Wer nicht mehr bei den Eltern lebt, kann mit Bundesausbildungsbeihilfe oder Schüler-Bafög aufstocken. Etliche Firmen gewähren zusätzliche Unterstützung, um die mit der Berufsschule verbundenen Kosten abzufedern. „Wer kann, zahlt. Wer nicht zahlt, kann es nicht“, heißt es von einer Ausbildungsberaterin in Neubrandenburg. Ihre Erfahrung: Zwar gebe es mit dem Hartz-IV-Regelsatz ein gesetzliches Existenzminimum in Deutschland, ein Lehrling liege jedoch meist darunter.

„Die Kosten der längeren Schulwege bleiben letztlich bei den Jugendlichen und ihren Eltern hängen“, sagt Simone Oldenburg, Bildungspolitikerin der linken Landtagsfraktion. Eine Berufswahl, die sich nach der nächstgelegenen Berufsschule richtet, sei fatal. Schon jetzt breche jeder vierte junge Mensch im Land die Ausbildung ab. „Es gibt eine Berufsschulpflicht“, argumentiert sie. „Die Jugendlichen sollten nichts für die Beförderung zahlen müssen.“