Wenn das Geld für die Miete nicht reicht:

Raus aus den Schulden – oder der Wohnung

Mietschulden sind ein Problem. Wohnungs­unternehmen beschäftigen deshalb Sozialarbeiter, die säumigen Zahlern unter die Arme greifen – und dies keineswegs nur aus Nächstenliebe.

In den Monaten der Betriebskostenabrechnung fehlt vielen das Geld für die Miete.
Andrea Warnecke In den Monaten der Betriebskostenabrechnung fehlt vielen das Geld für die Miete.

Wer mit der Miete in Verzug ist, braucht sich über ungeladenen Besuch nicht zu wundern. Meist steht der Vermieter selbst vor der Tür, manchmal schickt er auch kompromisslose Zeitgenossen. Bei Mietern der Neuwoges in Neubrandenburg klingelt ein Sozialarbeiter. Über 12 600 Wohnungen bewirtschaftet die Neuwoges nach eigenen Angaben in Neubrandenburg, hinzu kommen 3300 Einheiten, die sie für Dritte verwaltet.

Sozialarbeiter gibt es in dem Unternehmen seit 16 Jahren. Derzeit sind es vier Mitarbeiter, die sich um die sozialen Belange der Mieter kümmern, zwei sind ausschließlich mit dem Thema Mietschulden beschäftigt. „Wir gehen davon aus, dass Mietschulden ein Indikator für soziale Schieflagen sind“, sagt Susanne Jeske, Leiterin des Sachgebiets „Soziale Dienste“ des Wohnungsunternehmens. Dementsprechend prüften ihre Mitarbeiter die soziale Situation der Mieter und vermitteln Kontakte zu Sozialträgern und der Schuldnerberatung. „Wir versuchen, die Leute in allen sozialen Belangen zu beraten“, sagt Sven Bilinski, stellvertretender Abteilungsleiter bei der Neuwoges.

Gemeinsame Lösungen

Sozialarbeiter für säumige Zahler, das klingt nach Schmusekurs – allerdings nur vordergründig. Denn die Wohnungsunternehmen verfolgen mit solchen Maßnahmen handfeste Ziele. Bessert sich die soziale Situation der Mieter, bedeutet das oft auch eine Verbesserung der Zahlungsmoral – und davon profitieren die Unternehmen. Bei der Neuwoges sind die Sozialarbeiter deshalb auch dafür zuständig, mit den Mietern Lösungen zu vereinbaren, etwa regelmäßige Ratenzahlungen für noch ausstehende Beträge. Bezieht ein Mieter Sozialleistungen, strebt die Neuwoges sogenannte Abtretungserklärungen an. Darin erklärt sich der Mieter einverstanden, dass die Mietzuschüsse von den Behörden direkt an den Vermieter überwiesen werden.

Deutschlandweit starker Rückgang

Wie tief die Mieter bei der Neuwoges in den roten Zahlen stehen, gibt das Unternehmen nicht preis. „Für ganz Deutschland geistert eine Zahl durch die Branche“, sagt Peter Hitpaß vom Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen: Mit insgesamt einer Milliarde Euro sollen die deutschen Mieter in den Miesen sein. Immerhin scheint der Trend rückläufig: Der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) berichtet, dass die Mietschulden innerhalb des Verbandes in zehn Jahren um mehr als 40 Prozent zurückgegangen sind.

Sven Bilinski hat eine andere Beobachtung gemacht. Bei der Neuwoges schwanke die Höhe der Mietschulden stark, sagt er – sowohl über mehrere Jahre hinweg betrachtet, als auch saisonal. Die Mieter machten etwa im Sommer erkennbar mehr Schulden als im Winter. „Im Sommer kommt ein Hauptteil der Betriebskostenabrechnung“, gibt Bilinski eine mögliche Erklärung für das Phänomen. Für die Zukunft erwartet er wegen der steigenden Altersarmut sogar eher mehr Schuldner als weniger. An gesunkenen Mietschulden, so Sven Bilinski, sollte man die Arbeit der Sozialarbeiter aber ohnehin nicht messen. „Wir müssen es so sehen: Wo wären die Mietschulden, wenn wir die Maßnahmen nicht hätten?“

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