Forscher tüfteln an neuen Konzepten:

Rezepte für den Arztbesuch der Zukunft

Um eine solide medizinische Versorgung im Land Mecklenburg-Vorpommern mit langen Wegen und alternder Bevölkerung aufrecht zu erhalten, sind Ideen gefragt.

Die Universitätsklinik Greifswald erprobt bereits Ideen, wie die ärztliche Versorgung gesichert werden kann. Können Ärzte künftig wirklich die Diagnose oder die Dringlichkeit einer Behandlung über eine Videokonferenz feststellen? Foto: Stefan Sauer

Arztpraxen, die ohne Nachwuchs eingehen; Spezialisten, die keine neuen Patienten annehmen; Unruhe in den Krankenhäusern Wolgast und Anklam; überforderte Notfallambulanzen; lange Wege- und Wartezeiten für Behandlungen: Patienten und Patientinnen bekommen immer wieder zu spüren, wie das Gesundheitssystem leidet – mehr (auf dem Lande) oder weniger (in der Stadt).

Im „Gesundheitsland Mecklenburg-Vorpommern“ beträgt die durchschnittliche Entfernung zur nächst gelegenen Hausarztpraxis im Schnitt 6 Kilometer, zum Facharzt sind es 15. Das hat das Institut für Community Medicine der Universitätsklinik Greifswald ermittelt und am Beispiel des Landkreises Vorpommern-Greifswald berechnet, wie die Menschen mit Bus und Bahn zu Haus- und Facharzt kommen: 4 bis 5 Prozent der Einwohner würden es demnach nicht binnen eines Tages schaffen.

Wirtschaftliches Arbeiten für Ärzte schwierig

Gerade in dünn besiedelten, strukturschwachen Regionen treten die Probleme deutlich zu Tage: einerseits wachsen mit Arbeitslosigkeit und Altersarmut gesundheitliche Risiken, andererseits wollen junge Mediziner nur selten aufs Land. Schon jetzt ist es für niedergelassene Ärzte und Krankenhausbetreiber bisweilen schwer, wirtschaftlich zu arbeiten. Eine Situation, die sich mit der demografischen Entwicklung noch zuspitzt: Während Kinder und Jugendlichen schwinden, sind 2030 bundesweit fast ein Drittel der Frauen und Männer älter als 65, wobei der Anteil der Hochbetagten über 80 stetig steigt. Alterstypische Krankheiten nehmen zu.

Dr. Neeltje van den Berg leitet am Institut für Community Medicine den Forschungsbereich innovative Versorgungskonzepte und regionale Versorgung. Sie plädiert angesichts der regionalen Gegebenheiten für neue Wege in der medizinischen Versorgung, zum Beispiel eine engere Kooperation von ambulanter und stationärer Medizin. Bei den unterschiedlichen Akteuren mit teils gegensätzlichen Interessen sei das zwar nicht einfach, die Bereitschaft jedoch zunehmend vorhanden.

Telefonische Betreuung der Patienten möglich

„Es gibt erste gute Beispiele, die noch vor Jahren nicht funktioniert hätten“, sagt die Medizinerin mit Fingerzeig auf Telemedizin oder Delegationskonzepte a la Gemeindeschwester Agnes. Dabei übernehmen „nichtärztliche Praxisassistenten“, speziell geschultes medizinisches Personal, Hausbesuche, um Hausärzte zu entlasten. In der Psychiatrie mit langen Wartezeiten bewährt sich eine Strategie der Telemedizin. „Wenn Patienten mit Depressionen oder Angststörungen die Betreuung in der Tagesklinik beendet haben, werden sie von qualifizierten Krankenschwestern bis zum nächsten Arzttermin telefonisch weiterbetreut“, erklärt Neeltje van den Berg. Den Betroffenen gehe es nachweislich besser.

Bevor neue Ideen im Alltag Einzug halten, werden sie in Modellprojekten erprobt. Gerade untersuchen die Greifswalder Forscher in der Anklamer Kinderklinik, ob Ärzte eine Diagnose und die Dringlichkeit einer Behandlung per Videokonferenz ebenso gut feststellen können, wie von Angesicht zu Angesicht. Sie sind überzeugt, dass sich die Nöte des Gesundheitswesens am besten kurieren lassen, wenn alle Beteiligten in der Region zusammen arbeiten: niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser und Pflegedienste ebenso wie Krankenkassen und Ärztevereinigungen sowie nicht zuletzt Politik und Verwaltung.