Umtausch der Ostmark:

Schlange stehen für die D-Mark

Auch in Neubrandenburg wollten gleich am 1. Juli 1990 viele Einwohner die D-Mark in die Hand bekommen. Persönliches Erscheinen war damals noch Pflicht - aus einem praktischen Grund.

Schlange stehen vor dem heutigen Rathaus Neubrandenburg.
Zander Udo Schlange stehen vor dem heutigen Rathaus Neubrandenburg.

Die Frauen und Männer in der langen Schlange, die sich schon in den Morgenstunden dieses Sonntags vor 25 Jahren bis um die Ecke des Bankcontainers schlängelte, blieben erstaunlich gelassen. "Das war wie zu früheren DDR-Zeiten, als es Bananen gab", erinnert sich Karin Dolgner. Die frühere Mitarbeiterin der DDR-Staatsbank in Neubrandenburg war wie ihre Kollegin Christine Baß seit April 1990 bei der Deutschen Kreditbank beschäftigt, die später in die Deutsche Bank überging.

"Das Wetter war gut, die Laune der Leute auch", berichtet sie. Der Tag, an dem die D-Mark in die Noch-DDR kam, hatte viele Menschen mobilisiert. Persönliches Erscheinen war Pflicht: Das heute übliche dichte Netz von Geldautomaten existierte noch nicht. "Deshalb mussten für den Umtausch schon vor dem 1. Juli die Konten eingerichtet werden", erläutert Karin Dolgner. Je nach Alter des Kunden wurde bis zur Summe zwischen 2000 und 6000 DDR-Mark im Verhältnis 1:1 umgerechnet, darüber hinaus galt der Umtauschkurs von 1:2. Damals habe jeder versucht, die Summe voll auszuschöpfen - das Geld wurde innerhalb der Familie und auf Bekannte verteilt. "Oft auch gegen eine kleine Belohnung", meint sie.

Auch zu DDR-Zeiten wurde kräftig gespart

Überrascht habe sie, dass auch zu DDR-Zeiten schon kleine Reichtümer angehäuft werden konnten. "So zwischen 30 000 und 50 000 Mark kamen schon mal zusammen, die im Beutel gebracht und vor dem Umtauschtag auf ein Konto eingezahlt wurden", ergänzt ihre Kollegin Christine Baß. Am Tag X ging es Schlag auf Schlag: Am langen Thresen des Containers wurden Auszahlungsbelege ausgefüllt, damit an der Kasse die harte Mark ausgezahlt werden konnte.

"Da war Freude und Euphorie bei den Menschen zu spüren. Für viele war das wohl wie ein Neubeginn",  erinnert sie sich. Vielen Kunden sei es enorm wichtig gewesen, gleich am Sonntag ihr Westgeld abzuholen. Schon zuvor hatten die DDR-Bürger erste Bekanntschaft mit der begehrten harten Währung schließen können - etwa über 100 D-Mark Begrüßungsgeld.

Laxe Sicherheitsvorkehrungen störten niemanden

In Erinnerung geblieben sind den beiden Mitarbeiterinnen der Deutschen Bank auch die im Rückblick eher laxen Sicherheitsvorkehrungen. "Der Geldnachschub wurde einfach aus einem Nebengebäude in den Container getragen", sagt Karin Dolgner. In den eigentlich für Baustellen gedachten Metallkästen ging es auch recht eng zu. "Die Beratungstische standen dicht an dicht. Hier die notwendige Diskretion zu wahren, war schon recht schwierig", sagt sie.

Den rund 8000 ostdeutschen Bankbeschäftigten waren etwa 1000 Berater aus dem Westen zur Seite gestellt, die intern als "Delegierte" bezeichnet wurden. "Es waren gestandene Experten ebenso darunter wie Banker, die Karriere machen wollten", schildert Christine Baß ihre Erlebnisse. In wenigen Wochen lernten die Frauen ein komplett anderes Bankensystem kennen. Fast alles war neu: Formulare, Wertpapiere, Technik. Die Zeit sei rasend schnell vergangen. "Man wusste gar nicht, was mit einem selber passiert", schaut Karin Dolgner zurück.