Zu Unrecht in der Kritik:

Schulen mit Mega-Klassen – lügt die Statistik?

Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) ist unter Beschuss geraten. Die bündnisgrüne Landtagsfraktion wirft ihm Schönfärberei in Sachen Schülerzahlen vor.

Statistik und Versprechen passten offensichtlich nicht zusammen. Die Klassen waren auf dem Papier größer als in der Werbung des Landes versprochen. Doch die Zahl 18 ist korrekt – alles nur ein kleiner peinlicher Fehler in der Statistik.
Armin Weigel Statistik und Versprechen passten offensichtlich nicht zusammen. Die Klassen waren auf dem Papier größer als in der Werbung des Landes versprochen. Doch die Zahl 18 ist korrekt – alles nur ein kleiner peinlicher Fehler in der Statistik.

Zwei Schulen, ein Ärgernis: Zu Unrecht an den Pranger gestellt – das beklagen die Regionalen Schulen „Käthe Kollwitz“ in Anklam und „Fritz Reuter“ in Neubrandenburg. Es geht um das Thema Klassengröße. Dazu hatte Ulrike Berger, bildungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, eine Kleine Anfrage an die Landregierung gestellt. Sie erinnerte an die Lehrerwerbekampagne 2014, als das Land mit der Frage „Willst Du 18 Kinder von mir?“ bundesweit Berufsnachwuchs geködert hatte. Unberechtigt?

„Die Realität sieht häufig anders aus“, sagt Ulrike Berger mit Fingerzeig auf die Antwort des Bildungsministeriums auf ihre Anfrage. Ein vergleichsweise günstiger Durchschnittswert entstehe vor allem durch die oft sehr kleinen Klassen für Förderschüler, laut Statistik 935 von insgesamt 6532 Klassen im vergangenen Schuljahr. Extrem große Klassen, etwa mit mehr als 30 Schülern, hat die Abgeordnete an elf weiterführenden Schulen gefunden, darunter eben auch die in Anklam und Neubrandenburg. Dort reagierten die Schulleiter auf Anfrage entsetzt: „Das stimmt nicht.“ Lediglich 23 Schüler seien es in der vermeintlich überbesetzten Klasse 8 in Neubrandenburg, kaum eine Handvoll mehr in den Anklamer Klassen 8 und 9.

Ein Fehler der Statistik

Wo also liegt der Fehler? Das Ministerium musste einräumen, dass Ulrike Berger die Statistik richtig gelesen hat. Es sind die Zahlen selbst, die in die Irre führen, und der Opposition die Munition gegen den Minister und erklärten Zahlenfan Mathias Brodkorb (SPD) geliefert haben. An den verdächtigten Schulen gibt es ab Klasse 8 ein jahrgangsübergreifendes Angebot, das produktive Lernen, mit eigenen Strukturen, Lehrplänen und -kräften. Statt diese Schüler separat aufzuführen, wurden sie in der Abrechnung des Statistischen Landesamtes kurzerhand auf die Regelklassen draufgeschlagen. Das Ergebnis: Mega-Klassen. „Glücklich ist das nicht“, hieß es aus dem Bildungsministerium.

Für die „18 Kinder“ aus der Werbung beruft sich der Sprecher des Hauses unterdessen auf eine Bundesstatistik. In der Publikation „Schule auf einen Blick“ der Kultusministerkonferenz wurden Klassengrößen der Schuljahre 2010/11 verglichen. In Grundschule und Sekundarstufe 1 lag Mecklenburg-Vorpommern mit 18 Schülern unter dem Bundesdurchschnitt von 22.

Bringen kleine Klassen größeren Lernerfolg?

Statistik her oder hin – Ulrike Berger spricht sich für eine Obergrenze bei der Klassengröße aus. Diese Obergrenze war im Schuljahr 2009/10 auf dem Weg der Umorganisation zur „selbstständigen Schule“ abgeschafft worden. Seither entscheiden die Schulleitungen und Kollegien, ob und wie mit dem zugewiesenen Stundenkontingent Klassen oder Teilungsunterricht eingerichtet werden. Zuvor galt in der Grund- und Regionalschule der 29. Schüler, am Gymnasium der 30. als „Klassenteiler“.

In der Wissenschaft gab es zuletzt Zweifel am unmittelbaren Zusammenhang von Klassengröße und Lernerfolg. Der australische Bildungsforscher John Hattie schreibt stattdessen der Person des Lehrers und der Qualität seiner pädagogischen Arbeit einen weitaus größeren Einfluss zu. Das Bildungsministerium hatte Hatties Erkenntnisse in einer Broschüre zusammengefasst und an die Lehrerschaft verteilen lassen.

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