Forscher testen alternative Haltung:

Spielzeug für Schweine gegen Ringelschwanz-Beißen

Weil Mastschweine in engen Buchten immer wieder an den Ringelschwänzen der Artgenossen knabbern, werden den Ferkeln oft nach der Geburt die Schwänze gekürzt. In einem Mastbetrieb testeten Forscher jetzt eine Alternative - mit ernüchternden Ergebnissen. 

Gummimatten, Beißspielzeuge und Scheuermatten: Viel Komfort für die Schweine bedeutet nicht, dass sie sich nicht mehr untereinander verletzen.
Stefan Sauer Gummimatten, Beißspielzeuge und Scheuermatten: Viel Komfort für die Schweine bedeutet nicht, dass sie sich nicht mehr untereinander verletzen.

Neun Monate lang untersuchten Experten der Landesforschungsanstalt, wie man Schweine vom oft schmerzhaften Beißen in die sensiblen Ringelschwänze abhalten kann. In die Buchten wurden weniger Tiere eingestallt. Zur Ablenkung wurde Langstroh eingestreut, statt der Nippeltränken wurden offene Wasseraufnahmestellen angeboten, Scheuerstellen, Gummimatten und Torf angeboten. Sogar an Spielzeug wurde gedacht. „Wir haben in die Buchten Hanfseile und Beißstäbe, sogenannte Bite-Rites, aufgehangen“, sagt Kathrin Naumann. Die Geschäftsführerin des Agrarbetriebes Groß Grenz wollte sich damit der Diskussion um die von Tierschützern kritisierten Praxis des Schwänze-Kupierens stellen und alternative Aufzuchtverfahren in den konventionellen Tierzucht erproben.

Bislang wurden in dem Unternehmen bei Bad Doberan mit etwa 450 Zuchtsauen und 3100 Mastschweine – wie in den meisten deutschen Schweinezuchtbetrieben – den jungen Ferkeln die vordersten Segmente der kleinen Ringelschwänze abgetrennt. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, betont Naumann. Auf jeden Fall seien sie nicht vergleichbar mit der qualvollen Tortur, wenn sich ausgewachsene Schweine gegenseitig die Schwänze abknabberten.

Kaum ein Unterschied war zu erkennen

Trotzdem verzichtete man von Januar bis September 2014 in ausgewählten Beständen auf das Kürzen der Schwänze. Das Ergebnis fiel ebenso eindeutig aus wie ernüchternd: Während es selbst in Beständen mit kupierten Schwänzen  noch bei 11 bis 15 Prozent aller Schweine zu Schwanzverletzungen kam, wurden in den sogenannten Komfortgruppen, immer noch 15 bis 19 Prozent aller Tiere an den nicht gekürzten Schwänzen verletzt. Das sei zwar deutlich weniger als in der konventionellen Aufzucht, wo immerhin etwa 70 Prozent aller Schweine mit komplettem Ringelschwanz von ihren Artgenossen attackiert würden, sagt Versuchsleiter Henrik Delf. Eine echte Alternative habe man aber wohl nicht gefunden.

Befriedigend sei das Ergebnis für einen Tierzuchtbetrieb nicht, konstatiert auch Firmenchefin Naumann. Denn die Kosten für den zusätzlichen Aufwand seien enorm. Allein ein Beißspielzeug, das schon nach einem Jahr ersetzt werden müsste, koste 30 Euro. Zusätzliche Gelder mussten etwa für Hanfseile, Strohbergung und Torfeinkauf ausgegeben werden – ganz zu schweigen vom Zeitaufwand für das Stallpersonal, das ständig nach einem eventuellen Beißer in der Gruppe Ausschau halten musste.

In Niedersachsen wird über eine Ringelschwanzprämie nachgedacht

Rechne man alles zusammen, dann belaufe sich der zusätzliche Aufwand pro Schwein auf etwa 16 Euro, sagt Winfried Matthes, Leiter des Institutes für Tierproduktion. Das entspreche in etwa jener Ringelschwanzprämie, über die derzeit in Niedersachsen nachgedacht werde. Hochgerechnet auf den Schweinebestand in MV, müssten hierzulande etwa 16 Millionen Euro Fördermittel an die Schweinehalter ausgezahlt werden, wenn sie auf das Schwänze-Kupieren verzichten würden.

Für BUND-Experte Burkhard Roloff ist es trotzdem ein Unding, wenn Ferkeln ein Drittel ihres Schwanzes abgeschnitten wird. Dass Schweine sich gegenseitig in die Schwänze beißen, liege doch vor allem darin, dass zu viele Tiere in engen Buchten gehalten würden, sagt er.

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Kommentare (5)

Lieber BUND so einfach ist es nicht! Landwirte denken weiter, sind aktiv und wollen noch mehr Tierwohl in ihren Ställen realiseren. genau darum geht es uns, wenn wir Untersuchungen zum Nicht-Kupieren der Schwänze anstellen. Das Ergebniss ist gut ABER aus unserer Sicht noch nicht befriedigend, denn wir haben das Wohl unserer Tiere im Auge! Gerade deshalb sind plakative Äusserungen des BUND sehr ärgerlich, zeigen sie doch einmal mehr, dass der BUND sich nicht in ausreichendem Maße differenziert mit dem Thema "Schwanzkupieren" beschäftigt. Führende Wissenschaftler halten es für ehtisch nicht vertretbar mit dem Kupieren aufzuhören so lange wir keine Lösungen, sowohl für den konventionellen als auch für den Bio-Bereich, haben, um Schwanzverletzungen zu nahezu 100% zu vermeiden. Wenn Herr Roloff sagt "Dass Schweine sich gegenseitig in die Schwänze beißen, liege doch vor allem darin, dass zu viele Tiere in engen Buchten gehalten würden," so liegt er falsch. Auch wenn es so schön einfach klingt. Die gesamte Forschung in diesem Bereich ist sich einig: Mehr Platz allein bring es nicht!!! In unserem Versuch wurde ein mehr an Platz getestet (wir habenuns wirklich Mühe gegeben): Ergebniss....die Tiere die mehr Platz hatten sind nicht besser oder schlechter gewachsen und wiesen ebensoviel Schwanzverletzungen auf, wie die Tiere, die normal viel Platz hatten. Wann befasst sich auch der BUND differenziert mit diesem Thema....das wäre im Sinne eines ehrlich gemeinten Tierschutzes wirklich angebracht!

Im Folgenden sollen die Aussagen des Artikels noch konkretisiert werden. Der Versuch erfolgte durch das Institut für Tierproduktion Dummerstorf der Landesforschungsanstalt MV unter der Leitung von Herrn Prof. Matthes in Zusammenarbeit mit Studenten der Universität Rostock. Henrik Delfs ist Student Masterstudiengang Nutztierwissenschaften und hat den Versuch während der Mast betreut. Das Ziel der Untersuchung war es, die Aufzucht-und Mastleistungen von Schweinen durch verschiedene Maßnahmen zur Reduzierung des Schwanzbeißens zu verringern. Zu diesem Zweck wurden 672 Versuchstiere aufgestallt und in 3 Versuchsgruppen plus 1 Kontrollgruppe (Schweine mit kupierten Schwänzen) aufgeteilt. Es wurden die Lebendmasseentwicklung, das Stallklima, die Verluste und Behandlungen, die Beschaffenheit der Schwänze und die Futteraufnahme in der Mast der Versuchstiere erfasst. Das Versuchsdesign stellte sich wie folgt dar: In der Versuchsgruppe 1 wurden die Schweine mit „langen“ Schwänzen unter Standardbedingungen gehalten. In der Versuchsgruppe 2 hatten die Versuchstiere zusätzliches Beschäftigungsmaterial und Strohraufen in den Buchten und in der Versuchsgruppe 3 zusätzlich dazu noch 10 Prozent mehr Platz zur Verfügung. Der Zustand der Schwänze wurde einmal wöchentlich dokumentiert. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl ein Zusammenhang zwischen der Schwere der Schwanzverletzungen und den Mastleistungen der Versuchstiere besteht, als auch der Anteil der Schweine mit Schwanzverletzungen in den einzelnen Gruppen differiert. In der Kontrollgruppe (Schweine mit kupierten Schwänzen) treten bei 11 % der Tiere in der Aufzucht und bei 15 % in der Mast Schwanzverletzungen auf. Unter Standardbedingungen, d.h. der konventionellen Schweinehaltung entsprechend, liegt der Anteil bei den Tieren mit langen Schwänzen in der Aufzucht bei 70 % und in der Mast bei 40 %. Es zeigte sich, dass man durch mehr Beschäftigungsmaterial und Strohraufe an die Werte der Kontrollgruppe nahezu herankommt. In dieser Gruppe wiesen nur 15 bis 19 % der Schweine Schwanzverletzungen auf. Ein Mehrangebot an Platz scheint jedoch nach Erkenntnissen dieser Untersuchung keinen nennenswerten Einfluss auf die Beschaffenheit der Schwänze zu haben. Dies deckt sich mit Erkenntnissen in zahlreichen anderen Untersuchungen, die aufgrund der hohen medialen Aufmerksamkeit dieses Themas durchgeführt werden. Das Schwanzbeißen stellt sich als ein Problem dar, welches eine Fülle an Ursachen hat. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es noch keine Lösungen, um das Schwanzbeißen gänzlich zu unterbinden. Denn selbst in der Freilandhaltung und in der ökologischen Haltung mit Einstreu tritt dieses Problem auf.

Schwanzbeißen tritt in allen Haltungsformen auf und kann nie komplett unterbunden werden. Selbst ein Mehrangebot an Platz hat keinen Einfluss auf das Beißgeschehen.

"Hochgerechnet auf den Schweinebestand in MV, müssten hierzulande etwa 16 Millionen Euro Fördermittel an die Schweinehalter ausgezahlt werden, wenn sie auf das Schwänze-Kupieren verzichten würden." - "Das entspreche in etwa jener Ringelschwanzprämie, über die derzeit in Niedersachsen nachgedacht werde." Pro Schwein etwa 16 Euro, sagt Winfried Matthes, Leiter des Institutes für Tierproduktion. Aber wir könnten auch andets: Der Gewinn pro Schwein sank 2013 auf 9€ im Vergleich zu 14€ in 2012 in den Niederlanden. Würde also der mit einem bundesweitem Tierhaltungsverbot belegte Adrianus Straathof pro Tier 16 Euro Fördermittel kassieren, könnte er komplett auf die ganze Qual dieser Exportproduktion verzichten... zur Freude der Einwohner im MVtutgut-Land.

Lieber Herr Tschirner, mein von Herrn Sommer verwendetes Zitat ist leider nur zur Hälfte wiedergegeben, was ich ihm am Teklefon auf Nachfrage ausführlich erklärte, nämlich, dass das Wichtigst bei der artgerechten Schweinehaltung der Auslauf für die Tiere ist und dann erst die strukturierten Buchten mit Einstreu. Wenn die einzelnen Tiere die Möglichkeit haben, in den planbefestigten und eingestreuten Auslauf zu gehen und dort im Stroh wühlen können, schlafen, harnen oder koten, dann kommt es nicht zum Schwanzbeißen, was tausende Bio- und konventionelle NEULAND-Bauern mit ihren Schweinen täglich praktizieren. Leider kamen die Forscher nicht darauf, bei ihren sogenannten Forschungen den Schweinen Auslauf anzubieten, was in dem Stall von Herrn Tschirner bzw. seiner Tochter Frau Dr. Naumann auch technisch gar nicht möglich ist. Das habe ich bereits im Jahre 2002 in einer Studie zur „Artgerechten Schweinehaltung in MV“ bemängelt und nach Besichtigung mit dem damaligen Betreiber Herrn Tschirner, die Art der industriellen Schweineproduktion im Benitzer Schweine-Maststall als nicht artgerecht eingeschätzt. mfG B.Roloff