Saatgutbörse gegen Konzernpflanzen:

Steinobst statt Pflastersteine

Natürlich steht bei einer Saatgutbörse der Austausch von Sämereien und Stecklingen im Vordergrund. Es gibt aber auch politische und ökonomische Hintergründe.

Wer heimisches Saatgut verkaufen oder erwerben möchte, ist am Sonntag auf Burg Klempenow genau richtig.
Wer heimisches Saatgut verkaufen oder erwerben möchte, ist am Sonntag auf Burg Klempenow genau richtig.

Wer nicht regelmäßig im Amtsblatt der Europäischen Union blättert, dem wird vielleicht entgangen sein, dass vor ein paar Tagen über 70 Gesetzesvorschläge der Europäischen Kommission zurückgezogen wurden. Darunter eine Richtlinie zur Änderung einer Richtlinie über die Besteuerung von Alkohol, ein Plan für den Sardellenbestand im Golf von Biskaya – und die Verordnung über die „Erzeugung von Pflanzenvermehrungsmaterial und dessen Bereitstellung auf dem Markt“.

Wobei das Kassieren des letzteren Dokument zumindest in Deutschland für die größte Freude gesorgt haben dürfte. Unter anderem auch bei Undine Spillner vom Verein Kultur-Transit 96, die zu den Organisatoren der Saatgutbörse auf der Burg Klempenow (bei Altentreptow, direkt an der A20) am kommenden Sonntag Nachmittag gehört.

Form des Protestes gegen den Kapitalismus

Grob gesagt wurde befürchtet, dass durch die EU-Verordnung viele alte und seltene Sorten von Obst, Gemüse und Getreide verschwinden würden. Und dass im Gegenzug die Konzentration von Saatgut in den Händen von wenigen weltweit agierenden Konzernen steigen würde. Die Saatgutbörse will genau das Gegenteil, wenn auch im Kleinen.

Dementsprechend kämpferisch klingt es auch in der Ankündigung: „Selbstbestimmter Austausch von Saatgut und Pflanzen ist gut für die Vielfalt in Gärten und auf Äckern. Warum etwas den Konzernen überlassen, was schon immer ohne Geld vermehrt wird?“ So gesehen ist dieser Austausch auch eine Form des Protestes gegen den Kapitalismus von heute. Nur nicht mit Pflastersteinen wie vergangene Woche in Frankfurt am Main, sondern eher mit Steinobst in Klempenow an der Tollense.

Hybridsamen müssen immer wieder gekauft werden

Was ein global agierender Saatgut- und Agrochemie-Konzern wie zum Beispiel Monsanto mit einem Möhrenbeet zwischen Haff und Müritz zu tun hat, mag auf den ersten Blick nicht ganz deutlich werden, aber Undine Spillner ist sich sicher: Wenn die Vielfalt nicht durch solche Aktionen wie die Saatgutbörse gefördert wird, dann werde es irgendwann nur noch wenige
Sorten geben, die von einer Handvoll Unternehmen kontrolliert werden.

Für hiesige Hobbygärtner rückt diese Problematik zum Beispiel mit den sogenannten Hybridsorten ganz nah, die es nahezu überall zu kaufen gibt. Denn diese brächten nur in der ersten Generation einen guten Ertrag, und das Saatgut müsste immer wieder neu gekauft werden, erklärt Undine Spillner.

Die Pflanzen, Samen und Stecklinge, die am Sonntag auf der Burg Klempenow getauscht, verschenkt oder weiter gegeben würden, stammten alle aus kleingärtnerischer Produktion und aus der Region, wo sie auch die besten Bedingungen fänden, sagt Undine Spillner. Für sie sind die heimischen Sorten schlichtweg ein Kulturgut. Und sie empfiehlt den Börsen-Besuchern deshalb auch Briefumschläge mitzubringen, um dieses Kulturgut auch wohlbehalten nach Hause tragen zu können.