Zuckerrüben rollen durchs Land:

Süße Fracht macht Anwohner sauer

Über 100 Lastwagen mit Zuckerrüben rollen zurzeit täglich quer durch MV zur Verarbeitung nach Niedersachsen. Für die Fahrer sind die Touren über enge Straßen Stress pur. Auch die Menschen sind sauer.

Die Zuckerrübenernte sorgt bei den Anbauern in Mecklenburg-Vorpommern derzeit für zufriedene Gesichter, doch bei den Anwohnern der Transportwege für Ärger.
Jens Wolf Die Zuckerrübenernte sorgt bei den Anbauern in Mecklenburg-Vorpommern derzeit für zufriedene Gesichter, doch bei den Anwohnern der Transportwege für Ärger.

Dispatcher Andreas Arndt hat alles im Griff. Dennoch sieht sich der leitende Mitarbeiter für den Rübentransport aus Mecklenburg ins niedersächsische Uelzen tagtäglich neuen Herausforderungen ausgesetzt. Seit 2008 haben bereits zwei Fuhrunternehmen den Transportauftrag der Nordzucker AG entnervt zurückgegeben. Im vergangenen Jahr zog die Güstrower Spedition Kretschmar den Auftrag an Land. Die Zuckerfabrik in Uelzen hat ein Einzugsgebiet von 300 Kilometern.

„Für uns ist der Weg dorthin die Spiegelstrecke“, sagt Arndt mit einem gequälten Lächeln. Und verweist darauf, dass sich die Lastwagen aufgrund der engen Streckenführung auf der Bundesstraße 191 regelmäßig gegenseitig die Außenspiegel abfahren. 37 sind es nach seiner Aussage bereits in diesem Jahr, seit dem Start der Kampagne am 23. September. Und das trotz aller Vorsicht. Ein Ausweichen nach rechts oder links sei aufgrund dicker Alleebäume praktisch unmöglich.

110 Lkw-Ladungen jeden Tag

„Die längste Tour beträgt genau 217 Kilometer. Davon schafft ein Fahrzeug gerade mal eine am Tag. 110 Fuhren sind Pflicht um unser Tagessoll zu erfüllen“, erklärt Arndt. In Uelzen werden Tag für Tag 20 000 Tonnen Rüben zu Zucker verarbeitet. Rund ein Fünftel davon kommt aus Mecklenburg. Ständig rollen Lastwagen an eine Miete am Feldrand unweit von Wattmannshagen im Landkreis Rostock. „Der Ertrag ist ordentlich. Wir haben rund 700 Dezitonnen vom Hektar geholt. Der Zuckergehalt liegt über 18 Prozent. Damit hatten wir anfangs gar nicht gerechnet“, sagt Roland Streeb, Seniorchef eines Familienunternehmens. „Der Witterungsverlauf in diesem Jahr war alles andere als günstig.“

Nach dem Laden geht es auf eine stundenlange Tour. Erste Station ist Güstrow. Dort stand bis 2008 eine der modernsten Fabriken im europaweiten Nordzucker-Verbund. „Weil die EU eine Senkung der Zuckerproduktion gefordert hatte, wurde sie abgerissen“, ärgert sich Streeb nach wie vor über diese Entscheidung. So werden seit nunmehr sechs Jahren Tausende Tonnen Zuckerüben aus der Region um Güstrow über Sternberg, Parchim, Ludwigslust, Dömitz, Dannenberg bis nach Uelzen gefahren.

Letzte Farbrik steht in Anklam

In Anklam steht die einzige verbliebene Zuckerfabrik des Landes. 380 Landwirte aus dem östlichen Landesteil und aus Nordbrandenburg liefern dorthin Rüben. Ihr Sprecher ist Thies Holtmeier. Der Landwirt aus Sarow bei Demmin ist einer der größten Produzenten im Land. Bislang, so sagt er, verlief alles reibungslos. „Nicht vorstellbar, wenn es auch diese Fabrik eines Tages nicht mehr gäbe“, sagt Holtmeier. Er würde alles dafür tun, die nach mehreren Wechseln heute zum niederländischen Suiker-Unie-Verbund gehörende Fabrik längerfristig zu erhalten.

Unterdessen sorgen die Rübentransporte nach Uelzen bei Anwohnern entlang der B191 für Protest. Mit den lediglich erlaubten 60 km/h erzeugen die Transporter nicht nur dicke Luft, sondern auch lange Staus. „Wir sind machtlos“, klagt die leitende Verwaltungsbeamtin des Amtes Dömitz-Malliß, Iris Weber. Neben Bäumen sorgen nach ihrer Aussage Leitplanken für zusätzliche Verkehrsprobleme entlang der B191. „Mitunter können die Lkw aufgrund der engen Straße nur im Schritttempo aneinander vorbeifahren. Viele weichen deshalb auf angrenzende Straßen aus. Weil es auch dort eng ist, wird oft über Bürgersteige gefahren. Auf den Reparaturkosten bleiben wir sitzen“, sagt Weber.

Zudem flattern der Verwaltungschefin fast täglich Briefe von Anwohnern auf den Tisch, die über Risse in ihren Häusern und schlaflose Nächte aufgrund der Lärmbelästigung klagen. Von Kollegen in Niedersachsen erfahre sie ähnliches, sagt Weber. Dass ausschließlich Rübenlaster für den Ärger sorgen, sei allerdings nur schwer nachzuweisen.

Änderungen sind nicht in Sicht. Eine Autobahn ist nicht geplant und an eine Rückkehr zum Bahntransport nicht zu denken. „Zu teuer, unflexibel, und letztlich leidet auch die Rübenqualität durch das mehrmalige Umladen“, sagt Arndt und plant seine Touren für den nächsten Tag. Erst am 5. Januar wird die Kampagne in Uelzen zu Ende sein.

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