Sandwolken-Prozess:

Video zeigt brodelnden Acker an der A 19

Im Prozess um den Staubwolken-Unfall haben die Sachverständigen Filmmaterial ausgewertet. Ihr Gutachten hängt unterdessen weiter in der Warteschleife.

Rettungshubschrauber warten am 8. April 2011 auf der A 19 nach der Massenkarambolage auf ihren Einsatz. Sie gilt als eine der schwersten auf deutschen Autobahnen.
Bernd Wüstneck Rettungshubschrauber warten am 8. April 2011 auf der A 19 nach der Massenkarambolage auf ihren Einsatz. Sie gilt als eine der schwersten auf deutschen Autobahnen.

Der Erdboden scheint zu brodeln. Aus der Vogelperspektive zeigt sich, dass eine Sandlawine wie im Zeitraffer über die Autobahn 19 wogt. Endlose Schwaden Ackerland, aufgetrieben von einem Westwind, der mit bis zu 85 Stundenkilometer übers Land tobt. Ein Video der Polizei führt am Mittwoch Vormittag im Amtsgericht Rostock den Schrecken des 8. April 2011 vor Augen. Rund 80 Fahrzeuge waren seinerzeit in den Unfall verwickelt, der als einer der schwersten auf deutschen Autobahnen gilt.

Berge von Blech blockieren die Fahrbahnen. In Richtung Berlin zählen die Polizisten 23 Fahrzeuge. Wie viele auf der Gegenseite verunglückt sind, können sie zunächst nicht erkennen. Flammen lodern, von Explosionen weiter angefacht, schwarzer Rauch mischt sich mit dem wirbelnden Sand. Nach Ende der Rettungs- und Löscharbeiten wird das Ausmaß des Dramas klar: Neben kleineren Zusammenstößen haben sich an einer Stelle 40 Fahrzeuge ineinander verhakt. Acht Menschen wurden getötet, 59 verletzt.

Sachverständige widersprechen Angeklagter

Ab 13.07 Uhr hat ein Polizeihubschrauber rund 20 Minuten dokumentiert, was bei Kavelstorf geschehen ist. Ingenieure der Dekra sollen bei Gericht anhand des Mitschnitts darlegen, ob der Auffahrunfall einer mittlerweile 54-jährigen Frau aus dem brandenburgischen Eisenhüttenstadt vermeidbar gewesen wäre oder nicht. Sie ist der fahrlässigen Tötung angeklagt. Ihr Kleinbus war auf einen Wagen aufgefahren, in dem ein Ehepaar starb. Die Angeklagte hatte sich schwere Verletzungen zugezogen, als ein Laster ihren Pkw rammte. Sie versichert, die Sandwolke habe ihr ohne Vorwarnung und urplötzlich die Sicht genommen.

Die Sachverständigen widersprechen dieser Darstellung: Zwar könne sich die Sicht in der Sandwolke im Handumdrehen rapide verschlechtern, doch sei sie rechtzeitig erkennbar gewesen. Gut 650 Meter vor der Unfallstelle blies der Wind massiv Sand über die Autobahn.

Ab 10. Juni sollen die Dekra-Ingenieure endlich ihr Gutachten zur Rekonstruktion des Unfallhergangs vorstellen. Sie haben das Geschehen in elf Unfallgruppen aufgeteilt und zwei Verhandlungstage Zeit, das Puzzle zu entwirren. Ihr Auftritt war schon mehrfach verschoben worden. Unter anderem, weil es eine Panne mit dem Hubschrauber-Video gab. Die Sachverständigen hatten es nicht mit dem übrigen Beweismaterial zu Beginn ihrer Arbeit, sondern erst auf Nachfrage des Verteidigers mitten im Prozess erhalten.