Elektro-Trabis auf Rügen:

Vom lauten Stinker zum leisen Stromer

Ein Energieversorger will mit Ökostromspeichern und Elektro-Antrieben alte Autos aufpeppen. Damit verlieren die „Rennpappen“ allerdings auch eine ihrer typischsten Eigenschaften.

Reiseleiter Klaus Boy steuert die fertige E-Pappe zur Seebrücke Binz.
Stefan Sauer Reiseleiter Klaus Boy steuert die fertige E-Pappe zur Seebrücke Binz.

Es ist, als würde den alten DDR-Autos ein neues Leben eingehaucht. Solargetriebene Speicher- und Ladestationen sowie Elektromotoren machen aus den längst gnadenlos veralteten Trabants moderne Elektromobile. Verantwortlich dafür zeichnet der Mecklenburger Energieversorger Wemag mit seinem neuen Tochterunternehmen Reevolt.

Jungfernfahrt für die ersten drei Hightech-Trabis soll Dienstag auf der Insel Rügen sein, kündigte Reevolt-Geschäftsführer Raymond See an. Statt laut zu knattern und die Luft zu verpesten, gehen die „E-Pappen“ flüsterleise und abgasfrei mit Touristen auf Nostalgie-Safari.

Solarenergie kann eigenes Auto "auftanken"

Dabei bringe der wegen seiner Kunststoff-Karosse früher „Plaste-Bomber“ oder „Rennpappe“ genannte Trabi durchaus Vorteile für die Umwandlung zum Elektro-Fahrzeug mit, erklärt KfZ-Meister Hans Busse. Selbst mit der 50 Kilogramm schweren Batterie komme der E-Trabi nur auf rund 700 Kilo Leergewicht. Im Vergleich wiege der bereits hundertfach umgerüstete Fiat 500 mehr als eine Tonne. „Der leichte Trabi wird mit Elektroantrieb ’ne echte Rakete“, sagte Busse, „wir haben den E-Motor drosseln müssen.“

Elektromobilität und Ökostrom-Speicher sind für den Energieversorger kein Neuland. Die Wemag nahm letzten Herbst in Schwerin Europas größten Lithium-Ionen-Akku in Betrieb. Die Superbatterie speichert Wind- und Sonnenenergie und gleicht damit wetterbedingte Netzschwankungen aus. Wesentlich handlichere Speicher gibt es seit 2013 für Eigenheimbesitzer, die den Solarstrom von ihrem Dach nicht ins Netz speisen, sondern selbst verbrauchen – und zum Beispiel das E-Auto vor der Tür aufladen können.

Für die E-Auto-Umrüstung kooperiert die Wemag seit 2009 mit einem Hamburger Fahrzeugbauer. Vor einem Jahr wurde das Unternehmen gekauft und zur Reevolt GmbH umfirmiert. Mittlerweile rollen rund 750 Reevolt-Flitzer auf den Straßen Europas sowie ein Dutzend auf Elektro-Antrieb umgerüstete Kleintransporter für Handwerker, Bäcker und Gemüsehändler.

"Voll aufgeladen schafft das Auto 100 Kilometer"

Deutschlandweit kommen Strom-Autos erst langsam in Fahrt. Laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) rollten Anfang 2015 knapp 19 000 reine E-Autos, 56 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, auf den Straßen bei insgesamt 44,4 Millionen Pkw. Mecklenburg-Vorpommern hat dabei mit nur 126 E-Autos (2014: 76) so wenige wie kein anderes Bundesland. Ein Hindernis sind fehlende Stromtankstellen auf dem Lande. Deutschland liegt nach Informationen der Nationalen Plattform Elektromobilität mit 4800 Ladepunkten an 2400 Standorten lediglich im internationalen Mittelfeld.

Demnächst solle eine ganze E-Trabi-Flotte über Ostsee-Inseln und Seenplatte sausen, hofft Reevolt-Chef Raymond See. Voll aufgeladen schaffe das Auto 100 Kilometer Strecke bis zur nächsten Steckdose. Zumal die Hochleistungs-Akkus bergrunter Energie zurückgewinnen, wie das Display im Armaturenbrett anzeigt.

KfZ-Meister und Trabi-Fahrer Hans Busse sieht noch mehr Vorteile im Umrüsten: „Die Wartung wird viel einfacher und preisgünstiger.“ Teure Ölwechsel, kaputte Lichtmaschinen und größerer Motorverschleiß gehörten der Vergangenheit an genauso wie das typische, ohrenbetäubende Auspuff-Geräusch und der durchdringende Benzingeruch.