Minister in Nöten:

Von einem Schlamassel zum nächsten

Als dienstältester Agrarminister Deutschlands hat Till Backhaus oft für Aufregung gesorgt und sich selbst ausgiebig vermarktet. Als anerkannter Fachmann schiebt er sich gern in die erste Reihe und fährt auch mal aus der Haut.

Pressewirksam in Szene gesetzt: Auch wenn es manchmal ein bisschen lächerlich wirkt – solche Fotomotive liebt Till Backhaus besonders.
Jens Büttner Pressewirksam in Szene gesetzt: Auch wenn es manchmal ein bisschen lächerlich wirkt – solche Fotomotive liebt Till Backhaus besonders.

 „Ach Tilly“. Mit dieser wohl aufs Kürzeste reduzierten Ansprache reagiert Julia Reinhold auf der Nordkurier-Facebook-Seite auf die Vorwürfe, denen sich Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus dieser Tage ausgesetzt sieht. Und es klingt, als wolle sie weitermachen mit „Schon wieder so ein Schlamassel, in dem du steckst...“.

In der Tat: Der Mann, der fast schon einmal Ministerpräsident im Nordosten geworden wäre, hat sich selbst schon öfter in die Schlagzeilen und damit um den fast schon sicheren Platz auf dem "Thron" in der Staatskanzlei gebracht. Es war im Winter 2005/2006, als ganz Deutschland auf die Ferieninsel Rügen blickte. Tote Tiere am Strand, gestorben an Vogelgrippe - ein Super-Gau für das Tourismusland. Erfasst von der Hysterie um die Vogelgrippe attackiert Backhaus die damalige Rügener Landrätin Kerstin Kassner scharf, als bundesweit Kritik daran aufkommt, dass das gestorbene Federvieh zu spät eingesammelt wird.

Gummihühnchen reichen nicht

Es kommt beim Volk schlecht an, wenn ein verantwortlicher Ressortchef wie ein Wüterich den Schwarzen Peter weiterschiebt, wenn es zu Pannen kommt. Da hilft es auch wenig, dass Backhaus in Aktionismus verfällt und sich mit Gummihühnchen in einer mobilen Tötungsanlage ablichten lässt. Nach dem Desaster ist Backhaus seinen "Titel" als Kronprinz los: Ministerpräsident Harald Ringstorff tritt noch selbst mal an.

Der 54-Jährige stürzt sich danach in sein Amt und wird auf Feldern ebenso oft gesehen wie auf der Grünen Woche oder bei der Bekämpfung von Hochwasserfluten. Neben dem Dienstlichen sucht Backhaus auch die medienwirksame Zuflucht ins Private - und lässt die Öffentlichkeit eifrig daran teilhaben. Neue Liebe, neues Glück: Schon bald ist er der meist fotografierte Minister, als er im vergangenen Jahr eine 23 Jahre jüngere Zahnärztin heiratet und in dritter Ehe Vater wird. Alte Liebe rostet nicht: Kennengelernt hatte er seine Braut 2004 im Dienst, als die Rostockerin in Sternberg Rapsblütenkönigin wurde.

Ominöse Tour nach Weißrussland

Ganz ohne Ärger geht es in Backhaus' Karriere nie ab und manch ein Weggefährte staunt, dass der Minister allen Fehltritten zum trotz im Amt bleiben kann. Da ist zum Beispiel das von einem westfälischen Saatgut-Millionär Ende der 90er Jahre bezahlte Gutachten, mit dem Zweifel an der Wählbarkeit Backhaus' in den MV-Landtag wegen dessen damaligen Wohnsitz im Amt Neuhaus (Niedersachsen) zerstreut werden sollen. Backhaus kann den Kopf aus der Schlinge ziehen, indem er beteuert, von den Kosten für das Gutachten nichts gewusst zu haben. Ominös bleibt auch Backhaus' Tour nach Weißrussland, als er am Neujahrstag 2006 am Steuer seines Dienstwagens selbst auf die Reise ging und sich in 1000 Kilometern Entfernung in Grodno um die Fleischverarbeitung kümmert.

Reichlich Stress bereitet dem Pferdefreund Backhaus auch das Landesgestüt Redefin, für das er als Minister zuständig ist. Jahr für Jahr fließen über eine Million Euro in das Gestüt, das nicht aus den roten Zahlen kommt. Nicht nur, dass Backhaus bei einem Ausritt von einem Pferd abgeworfen wird. Weil der teuer erworbene Deckhengst Don Akzentus sich als lendenlahmer Gaul erweist, wird auch der Landesrechnungshof auf das Gestüt aufmerksam. Ausgerechnet am Tag nach dem Fahrrad-Vorfall erhält Backhaus im Landeskabinett die Arbeitsaufgabe, ein Konzept für Redefin aufzustellen, das die Wirtschaftlichkeit des unter Dauerbeschuss stehenden Gestüts sichert.

Hat der Choleriker zugeschlagen?

Niemand sagt es öffentlich: Aber viele, die mit Backhaus zu tun haben, wissen, wie schnell der Choleriker im Gesicht rot anlaufen, sich aufplustern und schließlich mit erhobener Stimme austicken kann, wenn ihm etwas nicht passt. Doch das aufbrausende Naturell des Ministers verliert nach 15 Jahren im Amt jedes Überraschungsmoment - wenngleich  nach dem Vorfall in Elmenhorst der Vorwurf im Raum steht, dass es im Driftenweg nicht nur bei einem Wortgefecht geblieben sein könnte, sondern der sich bedrängt fühlende Radfahrer Backhaus angeblich auch handfest zugelangt haben soll. Dass ihm damit am Ende des Sommerlochs jede Aufmerksamkeit gewiss ist, hat auch mit seiner privaten Selbstvermarktung zu tun.

Doch alle diese Show-Einlagen ändern wenig daran, dass sich Backhaus bei Freund und Feind den Ruf eines Fachmanns erwirtschaftet, dem die häufig wechselnden Bundesminister für Landwirtschaft nicht das Wasser reichen können und auch schon mal vom Urgestein einen Rüffel einstecken. Denn an Geltungsdrang mangelt es Backhaus beileibe nicht. "Ich halte viel von Minister Backhaus", sagt MV-Landesbauernpräsident Rainer Tietböhl klipp und klar. Als einziger Fachminister in Deutschland mit landwirtschaftlicher Ausbildung wisse Backhaus wenigstens, wovon er spreche.

Bauernpräsident: "Er hat nie gelogen"

Tietböhl hat oft auch mit Backhaus über Kreuz gelegen. "Es ist doch nicht ungewöhnlich, dass es in einer Diskussion auch mal energischer zugeht. Da muss man auch mal aus der Haut fahren", findet er. Wichtig sei doch, dass etwas Gutes dabei herauskomme. Er könne sich nicht erinnern, dass Backhaus irgendwann die Unwahrheit gesagt habe. "Ich glaube ihm", legt er sich fest.

Corinna Cwielag vom BUND mag in das Lob für Backhaus' Agrarpolitik nicht einstimmen. "Bei seinem Schlingerkurs nehme ich ihm nicht ab, dass er wirklich was verändern will", sagt sie. Ein Trend zur nachhaltigen Landwirtschaft sei bei Backhaus nicht erkennbar. Cwielag hat mit Backhaus auf Foren und bei Debatten schon oft die Klingen gekreuzt. "Wir haben immer um die Sache gestritten, es ging nie ins Persönliche", betont sie und hält die Aufregung um Backhaus' Fahrrad-Vorfall für reines "Sommertheater".

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Kommentare (1)

Fehlt hier auch noch im Beitrag, der Vollständigkeit halber.