Langzeitarbeitslose:

Warum der Aufschwung an vielen vorbei geht

Die Arbeitslosenzahlen sinken und sinken laut offizieller Statistik, doch Tausende Menschen in der Region haben nichts davon. Dabei gibt es durchaus Ideen, wie sich das ändern könnte.

Eine brummende Wirtschaft und dennoch keine Arbeit: Für einige ist Hartz IV zum Teufelskreislauf geworden. Und selbst ein Ein-Euro-Job würde ihnen wieder etwas mehr Hoffnung geben.
Patrick Seeger Eine brummende Wirtschaft und dennoch keine Arbeit: Für einige ist Hartz IV zum Teufelskreislauf geworden. Und selbst ein Ein-Euro-Job würde ihnen wieder etwas mehr Hoffnung geben.

Angela Schulze* hat einen Berufswunsch: Sie möchte als Verkäuferin arbeiten – doch niemand stellt sie ein. Doch die Mittfünfzigerin hat psychische Probleme: Sie braust schnell auf. Für einen Job im Einzelhandel nicht geeignet. Die Folge: Hartz IV und zeitweise abgestellter Strom. Knapp über 40 ist Frank Richter*: Der rückfällige Alkoholiker war bereits mehrmals beim Entzug. Er wünscht sich wenigsten einen Ein-Euro-Job, denn er ist sich sicher: „Wenn ich keine Arbeit kriege, saufe ich weiter.“

Diese und ähnliche Schicksale kennt Kilian Schneider zur Genüge. Um die 800 Menschen in Not wenden sich jedes Jahr in der Mecklenburgischen Seenplatte an die Sozialberatung der Caritas. Teamleiter Schneider unterstützt seine Klienten seit 15 Jahren und rechnet mit dem zehn Jahr alten Hartz-IV-System schonungslos ab. „Die Chancen, wieder einen Job in einer Firma zu bekommen, haben sich für viele nicht verbessert“, erklärt er.

Schneider stützt sich neben seinen eigenen Erfahrungen auch auf die Statistiken der Bundesarbeitsagentur. „Seit Einführung von Hartz-IV sind bundesweit 600  000 Menschen in der Langzeitarbeitslosigkeit stecken geblieben. Diese Menschen sind seitdem keinen Schritt weiter gekommen“, erklärt er. Das habe auch dazu geführt, dass die Zahl der Kinder in verarmten Familien nicht gesunken sei.

Brummende Wirtschaft führt zu höherem Druck

Der Sozialarbeiter weiß um die Personengruppen, die das höchste Risiko aufweisen, als Dauerarbeitslose ohne Hoffnung zu stranden: Menschen ohne Berufsabschluss, Behinderte, chronisch Kranke, Alkoholabhängige oder Analphabeten. „An denen geht der Aufschwung oft spurlos vorbei. Es gibt auf dem Arbeitsmarkt immer weniger einfache Tätigkeiten“, weiß der Sozialarbeiter. Gerade die brummende Wirtschaft führe zu einem steigenden Druck auf Arbeitslose. „Kaum jemand nimmt ihnen ab, dass es für sie trotzdem so gut wie keine Jobs gibt“, so Schneider.

Meist sei es die pure Verzweiflung, die Menschen in die Caritas-Beratung treibe. Oft würde schon ein Ein-Euro-Job genügen, um den Betroffenen helfen zu können. „Zwar führen diese Tätigkeiten nicht auf den ersten Arbeitsmarkt“, meint er. Allerdings bestehe eine reelle Chance, die Langzeitarbeitslosen aus der Einsamkeit zu holen. Aus Schneiders Sicht reichen sechs Monate im Ein-Euro-Job nicht aus, die Verlierer des Aufschwungs in die Gesellschaft zurückzuholen. „Wir brauchen mehr geförderte Beschäftigung und mehr Langfristigkeit“, findet er.

Lange Wartefristen für weniger Ein-Euro-Jobs

In Vorpommern-Greifswald ist in den vergangenen zweieinhalb Jahren die Langzeitarbeitslosigkeit tatsächlich um acht Prozent gestiegen. Gleichzeitig habe sich die Zahl der Ein-Euro-Jobs halbiert, bestätigt Heiko Miraß, Agenturchef in Greifswald. „Auch Leute, die lange arbeitslos waren, haben es geschafft“, sagt er. Wäre dem nicht so gewesen, hätte die Zahl der gesunkenen Ein-Euro-Jobs viel stärker beim Zuwachs der Langzeitarbeitslosen zu Buche schlagen müssen, so der Experte.

Auch Miraß ist sich sicher, dass es möglichst langfristige Hilfen für Menschen geben muss, die es nicht zurück auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen. Mit der auf drei Jahre angelegten Bürgerarbeit habe bereits solche Angebote gegeben. Allerdings seien mit den sinkenden Arbeitslosenzahlen von der Politik andere Prioritäten gesetzt und die Gelder dafür reduziert worden. Gleichzeitig gebe es längere Wartefristen, um eine solche Stelle zu bekommen.

„Wir brauchen einen sozialen Arbeitsmarkt“, erklärt Andreas Wegner, Chef des Jobcenters Nord in der Mecklenburgischen Seenplatte mit derzeit mehr als 5600 Langzeitarbeitslosen. Er räumt ein, dass die Zahl der Ein-Euro-Jobs kräftig gesunken ist. Er freue sich aber, dass durch ein Sonderprogramm des Bundes im kommenden Jahr über 35-Jährige Hartz-IV-Empfänger und arme Familien mit minderjährigen Kindern zusätzliche Unterstützung erhalten sollen. Der Wermutstropfen: Das Geld steht dann nicht mehr für Ein-Euro-Jobs oder Qualifizierungen zur Verfügung.

*Namen geändert

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