Experten rätseln:

Warum meiden Robben Usedom und Rügen?

Eigentlich bietet die Küste Mecklenburg-Vorpommerns gute Lebensbedingungen für Kegelrobben. Doch bisher wurden nur ein paar Dutzend Exemplare vor Usedom und Rügen gezählt. Fehlt den Meeressäugern ein ruhiger Liegeplatz?

Wolfgang Runge Kegelrobben-Baby "Julian" aus der Seehundstation in Friedrichskoog (Schleswig-Holstein). Auf Usedom und Rügen gibt es bislang nur wenig Tiere.

 Die Population der Kegelrobben in den Küstengewässern Mecklenburg-Vorpommerns wächst zurzeit offenbar nicht mehr. Der Bestand habe sich mit 30 bis 50 Tieren entlang der Küste auf niedrigem Niveau stabilisiert, sagte der Wissenschaftliche Direktor für Meeresnaturschutz am Bundesamt für Naturschutz (BfN), Henning von Nordheim, der Nachrichtenagentur dpa. Nach der Rückkehr der Tiere und einem deutlichen Aufwärtstrend in den vergangenen zehn Jahren sowie einer weiteren Zunahme des Kegelrobbenbestandes in der nördlichen Ostsee stagniere die Entwicklung vor der deutschen Küste, obwohl die Lebensbedingungen für die Tiere eigentlich gut seien.

Als möglichen Grund nannte von Nordheim fehlende ungestörte Liegeplätze an Flachküsten, zum Beispiel im Schutzgebiet Greifswalder Bodden zwischen den Inseln Rügen und Usedom. "Es fehlen Liegeplätze mit "guter Rundumsicht", wo die Tiere ungestört liegen, Fellwechsel betreiben und auch Nachwuchs zur Welt bringen können." Von Nordheim dem Land schon vor längerem vorgeschlagen, die Untiefe Großer Stubber im Flora-Fauna-Habitat- und Vogelschutzgebiet Greifswalder Bodden wieder herzurichten. Hierfür seien in der Vergangenheit erhebliche Bundesmittel bereitgestellt worden.

Der Stubber war bis vor rund 100 Jahren einer der angestammten Liegeplätze der Meeressäugetiere und wurde in den 50er Jahren durch menschliche Eingriffe abgebaut. Derzeit würden die Tiere vermutlich noch sehr scheu ihren neuen Lebensraum an der deutschen Küste erkunden. Damit diese Scheu überwunden werden kann, müsse es ein Startbesiedlungsgebiet geben. "Offenbar ist ihnen die Beunruhigung während der Zeit des Fellwechsels zu groß", sagte der Meeresbiologe. Auch sei bislang vermutlich aus gleichem Grund noch keine Geburt eines Robbenbabys an der deutschen Ostseeküste nachgewiesen wurden. Dies wäre ein Durchbruch für eine dauerhafte Ansiedlung, da Robben wieder an den Geburtsort zurückkehren.

Das Land hat sich bislang gegen Vorschläge der Meeresbiologen zur Wiederherstellung des Stubber gesperrt. Nun hieß es aus dem Umweltministerium, dass es die Untiefe als Flachliegeplatz nicht prinzipiell ablehne. Es könne überlegt werden, ob der Stubber als Ausgleichsmaßnahmenprojekt in Frage kommen könnte, sagte ein Ministeriumssprecher. Bedingung: Maßnahmen wie eine Aufspülung der Untiefe Stubber sollten nur im Einklang mit den Interessen der Fischerei realisiert werden. Die Küstenfischer lehnen eine Wiederherstellung als Robbenliegeplatz ab. Der Greifswalder Bodden ist ein Hauptfanggebiet, vor allem für den Hering.

Zum Stubber gibt es nach Angaben von Nordheims keine gleichwertige Alternative an der deutschen Ostseeküste. Auf den weitgehend ungestörten Inseln Vilm oder Greifswalder Oie im Greifswalder Bodden fänden die Tiere offenbar keine geeigneten Liegeplätze, sagte von Nordheim. Die Steilküsten und ein hochgewachsener Baumbestand verhinderten dort den freien Rundumblick, den die Tiere benötigten, um sich sicher zu fühlen.

Der Bestand an Kegelrobben in der gesamten Ostsee hat sich innerhalb der vergangenen 15 Jahre von rund 10 000 auf derzeit 25 000 bis 28 000 Tiere erhöht. Diese Tiere sind vor allem an den Küsten Schwedens, Finnlands und Estlands beheimatet.

Ende des 19. Jahrhunderts lebten in der Ostsee etwa 100 000 Kegelrobben, davon vermutlich nur wenige hundert an der deutschen Küste. Durch gezielte Bejagung war der Bestand in der südlichen Ostsee bis in die 1920er Jahre vollkommen ausgerottet worden. In späteren Jahrzehnten hatte die hohe Schadstoffbelastung in der Ostsee durch giftige Chlorverbindungen PCB (Polychlorierte Biphenyle) einen Großteil der weiblichen Tiere unfruchtbar gemacht. Anfang der 1980er Jahre war der Bestand der Tiere in der Ostsee auf rund 5000 Tiere geschrumpft. Die Art ist seitdem durch die Helsinki-Kommission zum Schutz der Meeresumwelt (Helcom) und das deutsche und europäische Naturschutzrecht streng geschützt.

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