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Webcam sendet aus dem Schweinestall

TV-Bilder von brutalen Ferkeltötungen, Futtermittelskandale und die Tierhaltungsverbote für Schweine-Baron Straathof haben den Ruf der Schweineproduzenten arg beschädigt. Nun soll eine Webcam in einem Maststall in Zemmin für Transparenz sorgen.

Landwirt Andreas Kühlings gewährt allen einen Einblick in seinen Stall. Eine Webcam sendet Bilder der Tiere ins Internet. Damit will er den Ruf der Branche aufpolieren.
Ralph Sommer Landwirt Andreas Kühlings gewährt allen einen Einblick in seinen Stall. Eine Webcam sendet Bilder der Tiere ins Internet. Damit will er den Ruf der Branche aufpolieren.

Strenge, aber wohlig 20 Grad warme Stallluft schlägt den Besucher entgegen, wenn er einen der Räume im neuen Maststall der Gebrüder Kühling in Zemmin betritt. Jeweils acht Buchten reihen sich pro Raum aneinander, jede besetzt mit bis zu 13 Mastschweinen. Der Laie dürfte überrascht sein, wie vergleichsweise sauber es hier zugeht.

Die Mastschweine, die sich auf dem Spaltenboden rekeln und nur immer mal wieder zur Fütterungszeit an die Tröge trotten, sind fast schlachtreif. „In spätestens zwei Wochen geht es für diese Tiere zum Schlachthof“, sagt Andreas Kühling.

Die Kühlings gehören zu jenen Landwirten in Mecklenburg-Vorpommern, die sich auf konventionelle Schweineproduktion in noch überschaubarem Umfang spezialisiert haben. Ihr Vater Josef war im Jahre 1992 mit Familie aus Niedersachsen hierhergekommen, um Landwirtschaft zu betreiben. In einer stillgelegten Rinderanlage starteten sie eine Schweine- und Putenmast. Letztere gaben sie 14 Jahre wieder auf.

Kein Stacheldraht, keine Abschottung

Heute bewirtschaftet die Kühling GbR von Michael und Andreas Kühling einen Betrieb mit 25 Hektar Ackerbau und zwei Biogasanlagen, mit deren Abwärme ein Stall mit 650 Zuchtsauen sowie drei Mastställe mit bis zu 5500 Schweinen beheizt werden. In die jeweils fünf mal fünf Meter großen Buchten werden anfangs bis zu 25 Läufer mit 25 bis 28 Kilogramm Gewicht eingestallt. Bis zur Schlachtreife reduziert sich ihre Anzahl dann auf maximal 13.

Andreas Kühling ist überzeugt, dass die Tiere auf diese Weise artgerecht und nach geltenden Vorschriften gehalten werden. „Wir haben nichts zu verbergen“, sagt der 39-Jährige. Statt den Stall – wie hierzulande oft üblich – mit Stacheldraht abzuschotten, sind die Fenster hier für Vorbeikommende frei zugänglich. „Jeder kann sehen, was sich bei uns tut.“

Seit Dienstag können auch Internetnutzer einen Blick in eine der Buchten werfen.
Die Kamera im Stall sendet rund um die Uhr Bewegtbilder ins Netz, die auf der Website des Landesbauernverbandes angesehen werden können.

Nicht erfasst wird die Arbeit der 18 Mitarbeiter des Agrarbetriebes – aus Datenschutzgründen, heißt es. Auch das Geschehen auf den Lauf- und Treibgängen des Stalls wird nicht übertragen. Mit ähnlichen Projekten sind auch schon die Bauernverbände von Schleswig-Holstein und Bayern im Netz präsent.

Tierschützer klagen: Traurige Bilder von Tieren

Keine drei Stunden nach der Freischaltung meldeten Tierschützer schon Kritik am neuen Schweine-TV an. Es seien traurige Bilder von Tieren, die ohne Stroheinstreu, Rückzugsgebiete und Freilauf im eigenen Kot dahinvegetierten, sagt BUND-Agrarreferent Burkhard Roloff. Damit schaffe man beim Verbraucher kein Vertrauen.

„Mit den Live-Bildern wollen wir für jedermann transparent zeigen, wie wir unsere Tiere halten“, verteidigt dagegen Bauernpräsident Rainer Tietböhl die Internet-Schaltung. Leider werde die Tierhaltung hierzulande oft sehr emotional und wenig sachlich geführt. Weil heute nur noch zwei Prozent der Menschen im Agrarsektor tätig seien, habe eine Entfremdung von der landwirtschaftlichen Produktion eingesetzt.

„Viele kennen nur noch den Stall der Großeltern, wo das Hausschwein gefüttert wurde. Ställe mit mehreren Hundert Tieren mögen für Verbraucher ungewohnt und befremdlich sein.“ Sie seien aber alternativlos, sagt Tietböhl. Angesichts gestiegener Futterkosten und gesunkener Schlachterlöse könne heute kein Landwirt mehr von einigen wenigen Schweinen existieren, geschweige denn Mitarbeiter beschäftigen.

Die Webcam in Zemmin gestatte es zumindest jedem Interessenten, sich sein
eigenes Bild von der modernen und konventionellen Schweinemast zu machen, sagt Tietböhl. Und es könnten bald weitere Projekte folgen. So möchte der Bauernverband künftig auch andere Tierhaltungen online präsentieren, zum Beispiel über Webcams in Geflügelmastbetrieben.

Kommentare (2)

"Ställe mit mehreren Hundert Tieren mögen für Verbraucher ungewohnt und befremdlich sein" - das ist wirklich so aber noch viel befremdlicher ist , dass "Die Mastschweine, die sich auf dem Spaltenboden rekeln..." als "alternativlos" e Haltungsform dargestellt, die Verwendung dieses Begriffs ist ein sicheres Indiz, dass es auch anders geht

„Viele kennen nur noch den Stall der Großeltern, wo das Hausschwein gefüttert wurde" sagt Bauernpräsident Rainer Tietböhl und verschweigt seine eigene Geschichte. Viele auch in MV werden sich an die gewaltige Schweineproduktion der DDR erinnern. In den Kombinaten industrieller Mast wurde vor allem für die Brüder und Schwestern im Westen produziert. Auch heute ist Export angesagt, der geht inzwischen aber nach Osten. Dass die bodenungebundene Massenproduktion von Nutztieren aber in MV als alternativlos dargestellt wird, ist überhaupt nicht akzeptabel. Im Jerichower Land muss der mit einem Tierhaltungsverbot belegte Straathof bis August seine Tiere aus dem Unternehmen Glava GmbH entfernen, da das persönliche Verbot auf den Betrieb ausgedehnt wurde. In Alt Tellin und Medow darf er dagegen als Gesellschafter weiterhin Einfluss auf die Tierhaltungsbedingungen nehmen und seinen Profit optimieren. MV tut ja so gut. Aber nicht nur die Neuland-Bauern zeigen, dass es anders geht. Ja, die grüne Woche steht vor der Tür. Doch im Vorfeld demonstrieren Zehntausende, dass sie Agrarindustrie satt haben.