Entgegen des Bundestrends:

Weniger Kindesmisshandlungen in MV

Lea-Sophie ist verhungert, Lea-Marie wurde schwer misshandelt. Die Schicksale der Mädchen haben die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Für Sozialministerin Hesse ist die „Kultur des Hin-schauens“ unverzichtbar.

Sozialministerin Birgit Hesse (SPD)
Jens Büttner Sozialministerin Birgit Hesse (SPD)

Entgegen dem Bundestrend werden in Mecklenburg-Vorpommern seit zwei Jahren wieder weniger Kindesmisshandlungen registriert. Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) reagierte mit Erleichterung auf den rückläufigen Trend bei Gewalt gegen Kinder. Doch mahnte sie angesichts einer von Experten nach wie vor als hoch eingeschätzten Dunkelziffer zu weiterhin größter Aufmerksamkeit. „Tragische Fälle, bei denen Misshandlungen oder mangelnde Fürsorge in den zurückliegenden Jahren zum Tod von Kindern führten, haben die Sensibilität der Menschen erhöht. Wir brauchen aber auch diese Kultur des Hinschauens, damit in Verdachtsfällen rechtzeitig eingegriffen werden kann“, sagte Hesse.

Mit der Kinderschutzhotline sei ein niederschwelliges Angebot für die Alarmierung der Behörden geschaffen worden. „Die Hemmungen, sich telefonisch zu melden, sind weitaus geringer, als zum Jugendamt zu laufen. Die Behörden gehen in jedem Falle sorgsam mit den Hinweisen um“, versicherte die Ministerin.

Aufklärung ist der wirkungsvollste Weg

Ihren Angaben zufolge wurden im Vorjahr über die Hotline 290 Verdachtsfälle gemeldet. Davon seien 474 Kinder und Jugendliche betroffen gewesen. Die Informationen seien zum Großteil aus deren persönlichem Umfeld gekommen, vor allem aus der Sorge heraus, dass die Kinder vernachlässigt, psychisch oder körperlich misshandelt werden. Die Bitte um Inobhutnahme sei in acht Fällen geäußert worden, in sechs dieser Fälle hätten Kinder oder Jugendliche selbst darum gebeten. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres gab es laut Hesse etwa 125 Meldungen über die Kinderschutzhotline.

In MV war seit 2008 die Zahl der festgestellten schweren Übergriffe auf Kinder bis 2012 gestiegen, fällt seither aber wieder. Im Nordosten wurde nach Erhebungen des Landeskriminalamtes 2012 mit 223 Fällen die bislang höchste Zahl registriert, ausschließlich Körperverletzungen, sexueller Missbrauch war nicht offenkundig geworden. Für 2014 finden sich in der Kriminalstatistik 156 Fälle, darunter ein Sexualdelikt. Bundesweit war die Zahl der Kindesmisshandlungen leicht gestiegen, die der sexuellen Übergriffe zurückgegangen.

Aufklärung hält Hesse für den wirkungsvollsten Weg, Gewalt gegen Kinder weiter einzudämmen. „Das betrifft Eltern, Erzieher und auch die Kinder selbst. Denn Kinder wissen nicht zwangsläufig, was Eltern nicht dürfen und haben auch deshalb oft eine hohe Hemmschwelle, sich zu offenbaren“, erklärte sie.