Nach der Wahl:

Wenn das Publikum seinen Politikern Paroli bietet

Welche Folgen hat die Landtagswahl für Mecklenburg-Vorpommern? In einem Forum in Neubrandenburg ist eine Entscheidung aus Schwerin in die Kritik geraten.

Christian Nestler, Marzin Koschkar, Sylvia Bretschneider und Lutz Schumacher (von links) bei dem Forum.
Félice Gritti Christian Nestler, Marzin Koschkar, Sylvia Bretschneider und Lutz Schumacher (von links) bei dem Forum.

"Erwin Sellering spricht offenbar insbesondere ältere Damen über 60 an", interpretierte der Rostocker Wahlforscher Christian Nestler ein wenig zugespitzt das Ergebnis der Abstimmung in Mecklenburg-Vorpommern. Tatsächlich hatte der alte und wahrscheinlich neue Ministerpräsident besonders viel Schlag in dieser Wählergruppe, wie Nestler auf einem Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Neubrandenburg anhand detaillierter Zahlen auswertete.

Zwei Trends in einer polarisierten Stimmungslage prägen nach Ansicht des Wissenschaftlers das Ergebnis der Landtagswahl: Zum einen der Aufstieg der AfD, die mit ihrer Abrechnung der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und ihrer Generalkritik an den Altparteien viele Wähler habe mobilisieren können.

Zum anderen der Wunsch nach Sicherheit, der letztlich zum Wahlsieg der SPD führte. Was für die wiedergewählte SPD-Landtagsabgeordnete und erneut nominierte Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider Grund genug war, sich vor Publikum in dem Wahlergebnis von 30,6 Prozent (minus fünf Prozent im Vergleich zu 2011) für ihre Partei zu sonnen und auf die gewachsene Zahl bei den absoluten Stimmen zu verweisen, die durch die höhere Wahlbeteiligung zustande kommen konnte.

"Eine große Koalition auf Dauer ist Gift für die Demokratie"

Nordkurier-Chefredakteur Lutz Schumacher hält das SPD-Ergebnis für einen Pyrrhussieg. Die Sozialdemokraten dürften sich nicht in Selbstzufriedenheit ergehen und müssten sich vor allem eine Frage stellen: "Was passiert eigentlich, wenn Sellering nicht mehr antritt?" Aus seiner Sicht ist die bereits verabredete Neuauflage der Großen Koalition in Schwerin die falsche Reaktion auf den Stimmenverlust von SPD und CDU. "Eine große Koalition auf Dauer ist Gift für die Demokratie", findet er.

SPD-Politikerin Bretschneider verteidigte die absehbare rot-schwarze Verlängerung in Schwerin. Als Begründung zog sie die Ergebnisse von Wahlumfragen heran. "Die meisten Menschen waren zufrieden mit der Regierungspolitik", argumentierte Bretschneider. Warum also solle man nicht mit Menschen zusammenarbeiten, mit denen man klarkomme? An dieser Sichtweise zweifelt Politologe Nestler: Eine Art "demokratische Einheitsfront" sei der falsche Weg. Die Parteien müssten bald ihre unterschiedlichen Konzepte für die Entwicklung des ländlichen Raums präsentieren, wo die AfD ihre größten Wahlerfolge erzielt habe.

Das Publikum kommentierte eifrig. Insbesondere der ständige Abbau öffentlicher Angebote wie Nahverkehr oder Gerichtsbarkeit führten zu dem Frust, der sich jetzt in AfD-Wählerstimmen entladen habe, so mehrere Redner. Ein anderer Zuhörer wurde grundsätzlich: "Das Wahlergebnis ist ein Warn- und Weckruf für das, was in der Bevölkerung los ist." Ein weiterer Gast legt noch eine Schippe drauf: "Das kommt davon, wenn nicht mehr dem Volk aufs Maul geschaut wird. Die Politiker warten so lange, bis sie eine Klatsche kriegen."

Kommentare (1)

... sind Wahlkampagnen für ältere Bürger und Rentner. Dies sollte einem Wahlforscher bekannt sein, dass ältere Bürger zuverlässige Wahlgänger sind. Linke und SPD sind bei Wahlkampfveranstaltungen gern und viel in Senioreneinrichtungen.