Ärzte-Streit:

Wer soll kranke Kinder kurieren?

Die Zukunft der Kinder- und Jugendmedizin im Immer-älter-Land MV ist vor allem eines: problematisch. Schon jetzt gibt es weiße Flecke bei der Versorgung. Nun kommt noch eine Kompetenz-Debatte dazu.

Mit dem Kind zum Hausarzt oder zum Kinderarzt? Nicht überall in MV haben Eltern eine Wahl.
Bernd Wüstneck Mit dem Kind zum Hausarzt oder zum Kinderarzt? Nicht überall in MV haben Eltern eine Wahl.

In der Kinder- und Jugendmedizin des Landes klaffen Lücken. Das hat eine Studie im Auftrag des Sozialministeriums gezeigt. Die Autoren vom Berliner Forschungsinstitut IGES beschreiben weiße Flecke, wo kein einziger niedergelassener Pädiater zu finden ist. Dort müssen Eltern und Kinder lange Wege in Kauf nehmen. „In der Region zwischen Greifswald, Neubrandenburg, Anklam und Demmin“, so heißt es, „können dies bis zu 70 Kilometer sein.“ Mit dem Auto hin und zurück schon ein paar Stunden, mit Bus und Bahn kaum zu schaffen.

Das Problem dürfte sich weiter zuspitzen, denn das Netz der Praxen wird in den kommenden Jahren schrumpfen. Ein Fünftel der Kinderärzte ist älter als 60. Den Berufsnachwuchs zieht es vor allem in größere Städte. In Mecklenburg-Vorpommern werden schon jetzt mehr Kinder als in anderen Ländern vom Haus- statt vom Kinderarzt betreut. Während das laut Studie bundesweit acht Prozent der Mädchen und Jungen bis fünf Jahre betrifft, sind es hierzulande doppelt so viele, an der Mecklenburgischen Seenplatte sogar mehr als 40 Prozent.

Können Hausärzte gute Kinderärzte sein?

„Es ist unstrittig, dass der Kinderarzt am besten präpariert ist für die Behandlung von Kindern“, sagt Dr. Dieter Kreye, Hausarzt in Neubrandenburg und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KVMV).

Doch einen Großteil der Kinderkrankheiten könne der Hausarzt gleichermaßen gut behandeln. Als Allrounder müsse er vor allem unterscheiden, welche Erkrankungen er selbst versorgt und welche er anderen Fachärzten überlässt. „Einen Erwachsenen, der mit Bindehautentzündung oder Schnupfen zu mir kommt, schicke ich auch nicht gleich zum Augenarzt oder zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt“, sagt er. Ebenso sei
es bei Kindern mit Angina oder einem aufgeschlagenen Knie.

Kinder- und Jugendmedizin wird Thema im Sozialministerium

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Kinderheilkunde Teil der Hausarzt-Ausbildung, neben Chirurgie, innerer und Allgemeinmedizin, Orthopädie, Anästhesie und einem weiteren Wahlfach. Dieter Kreye verweist auf andere Länder, in denen Kinder grundsätzlich vom Hausarzt betreut werden. „In Skandinavien beispielsweise oder in Großbritannien.“ In Spanien, Tschechien und der Slowakei seien wiederum ausschließlich Kinderärzte zuständig. Deutschland habe wie Frankreich oder Österreich ein gemischtes System.

Mit der Zukunft der Kinder- und Jugendmedizin will sich auch das Sozialministerium beschäftigen – auf Grundlage der IGES-Studie und am Beispiel des Landkreises Vorpommern-Greifswald. Ab Mitte Juli sollen dort alle Beteiligten an einen Tisch, um Ideen zu sammeln.

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