Stimmen aus der Region:

Wie Franzosen über den Anschlag denken

Auch die Franzosen im Nordosten nimmt der schreckliche Tod ihrer Landsleute natürlich mit. Umso mehr, als die meisten mit den Satire-Zeichnern aufgewachsen sind.

Mit den Worten „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) und Schreibstiften symbolisierten Menschen aus aller Welt ihre Solidarität mit den Opfern des Attentats.
Etienne Laurent Mit den Worten „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) und Schreibstiften symbolisierten Menschen aus aller Welt ihre Solidarität mit den Opfern des Attentats.

Philippe Blanchet kann es einen Tag nach dem Terroranschlag von Paris immer noch nicht fassen. Auch wenn er schon seit mehr als 30 Jahren in Deutschland und seit 1995 in Neubrandenburg lebt, gehört das Pariser Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ nach wie vor zu seinem Leben.

„Ich habe die Zeitung schon so lange gelesen, wie ich zurückdenken kann“, sagt Blanchet, der in der Verkaufsabteilung des Standheizungsherstellers Webasto arbeitet. Jedes Mal, wenn er nach Frankreich fahre, kaufe er sich das Magazin. Mit den Zeichnungen von George Wolinski oder Cabu sei er wie viele andere Franzosen groß geworden. Die beiden berühmten Zeichner sind unter den zwölf Menschen, die in Paris erschossen wurden. „Die beiden Zeichner sind bekannter als Minister, ja sogar als der Präsident Frankreichs“, sagt Blanchet.

„Den Fanatikern darf keine Chance gegeben werden“

Die meisten Franzosen identifizieren sich mit den satirischen Karikaturisten, sind mit ihnen aufgewachsen – wie Hariette Melters beispielsweise. Die Pariserin lebt seit 13 Jahren in der Uckermark und ist mit einem Lehrer aus Deutschland verheiratet. Sie hat die schrecklichen Ereignisse über den Fernseher und einen französischen Radiosender verfolgt. Es sei erschreckend, wie einfach die brutalen Mörder trotz des Polizeischutzes in die Redaktion eindringen konnten.

Über das soziale Netzwerk Facebook kommuniziert Hariette Melters mit Bekannten in Frankreich. Die hätten nach dem Anschlag eine Karikatur gepostet, die im Sinne der ermordeten Zeichner sei: Aus einem Grab recken sich vier Stinkefinger. Motto: Jetzt erst recht werden wir uns die Pressefreiheit nicht nehmen lassen. Den religiösen Fanatikern dürfe keine Chance gegeben werden, meint Hariette Melters.

"Multikulti kann auch Nachteile haben"

Hariette Melters Mutter wohnt etwa eineinhalb Kilometer vom Ort des Anschlags entfernt. Sie selbst ist in einem Vorort von Paris aufgewachsen und kennt die Probleme, die die Migration der Muslime mit sich bringt. Es sei besorgniserregend, dass es – offensichtlich in Reaktion auf das Attentat – am Donnerstag Anschläge auf muslimische Einrichtungen gegeben habe. „Den Fanatikern darf jetzt nicht in die Hände gespielt werden“, sagt Hariette Melters.

Eine Französin aus Neubrandenburg, die anonym bleiben möchte, glaubt, dass es in Frankreich zwangsläufig irgendwann einmal zu einem derartigen Anschlag kommen musste. Als sie vor etwa 30 Jahren die Schule besucht habe, habe sie es als normal empfunden, mit Kindern anderer Hautfarbe aufzuwachsen. Mittlerweile zeige sich allerdings insbesondere auch in Problemstädten wie Marseille, dass „Multikulti auch Nachteile“ haben könne. „Wenn ich Frankreich besuche, merke ich, wie viel Angst die Menschen vor Arabern haben.“

Auch die Musikerin Elsa Claveria ist mit der Comic-Kultur in Frankreich groß geworden. „Mein Freund staunt immer, wenn ich heute noch Comics lese“, sagt die 28-Jährige, die seit knapp zwei Jahren Konzertmeisterin der Neubrandenburger Philharmonie ist. Es mache ihr Sorgen, wenn jetzt im Gegenzug der Anschläge Moscheen angegriffen würden. Der Anschlag zeige ihr aber auch, wie wichtig die Pressefreiheit sei. „Freiheit kann es nur geben, wenn es Pressefreiheit gibt.“

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