Forschungsprojekt:

Wie sieht das Gesicht der Armut aus?

Die Arbeiterwohlfahrt will wissen, wie es Menschen geht, die nur wenig haben. Wissenschaftler aus Neubrandenburg, Bollewick, Greifswald und Rostock werden die Sache deshalb erforschen.

Wie konkret sich Armut darstellt, wollen Forscher jetzt herausbekommen.
             
Emily Wabitsch Wie konkret sich Armut darstellt, wollen Forscher jetzt herausbekommen.  

Mit wem spricht ein Dorfbewohner, wenn er keine Nachbarn mehr hat? Warum steppt in der einen Gemeinde der Bär, während nebenan der Hund begraben liegt? Wo leiht sich ein Habenichts Geld in der größten Not? – Fragen wie diese sollen für Mecklenburg-Vorpommern beantwortet werden. Dafür hat der Landesverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) eine Studie in Auftrag gegeben.

Bis zum Frühjahr 2015 werden Wissenschaftler aus Neubrandenburg, Bollewick, Greifswald und Rostock das Thema Armut ausloten – auf eine Weise, wie es nach Einschätzung aller Beteiligten bislang noch nie geschehen ist in Deutschland. „Sie sollen der Armut ein Gesicht geben“, kündigte der Awo-Landesvorsitzende Rudolf Borchert an. In einer Zeit, da es Ostdeutschland so gut gehen soll wie nie, sei jeder fünfte Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns von Armut betroffen. „Wir müssen fragen, wie wir damit umgehen, auch wenn es schmerzhaft ist.“ Rund 90 000 Euro hat der Sozialverband für seine Armutsstudie eingeplant.

Neu ist die genaue Analyse

Die Forschergruppe aus Sozialpädagogen, Soziologen, Geographen und Demographen will zunächst Daten sammelt, die über allgemeine Statistiken weit hinausgehen. „Was sagt die Zahl von alleinerziehenden Müttern mit zwei Kindern aus“, fragt Wolfgang Weiß von der Universität Rostock. „Der entscheidende Unterschied besteht doch darin, ob die Mutter von Harzt IV lebt oder als Akademikerin an der Hochschule arbeitet.“

Erkenntnisse erwartet der Wissenschaftler von einer sehr genauen Analyse der Situation, davon, Fakten zu ermitteln, die bislang im Verborgenen liegen – nach dem Motto: Brunnenbohrer statt Rasenmäher. „Ich möchte gegen Unwahrheiten ankämpfen“, sagt er und verweist auf den jüngsten Bericht zur Deutschen Einheit. „Die Abwanderung ist gestoppt? Ich krieg einen Hals wie ein Lkw-Reifen, wenn ich so etwas höre“ sagt er. „Die Bilanz mag ja stimmen, doch die Struktur stimmt keinesfalls. Was nützt es denn, wenn die Jungen weggehen und die Alten herkommen.“

50 Interviews geben Einblicke

Neben brauchbaren Daten sollen ganz konkrete Lebensberichte von Menschen, die nur wenig haben, aufgeschrieben werden. 50 Interviews mit Alleinerziehenden, Langzeitarbeitslosen, älteren Pflegebedürftigen, Migranten und Menschen mit Behinderung in Stadt und Land planen die Soziologen. „Wir wollen Wege in die Armut beschreiben und ebenso Wege aus der Armut, was für praktische Handlungsempfehlungen noch wichtiger ist“, erklärt Peter Berger, vom Institut für Soziologie und Demographie der Uni Rostock. Der Blick richtet sich dabei auf die Betroffenen ebenso wie auf deren Umfeld.

Mitarbeiter Andreas Klärner weiß um die Schwierigkeit, Zugang zu geeigneten Interviewpartnern zu finden. Deshalb hofft er, durchs Weitersagen zu den Menschen zu gelangen, die vom Wohlstand der Gesellschaft ausgeschlossen sind.

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