Trotz Ukraine-Krise:

Wirtschaft im Norden setzt weiter auf die russische Karte

Die Geschäfte mit Russland laufen schlecht. Die im Zuge der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen treffen die Wirtschaft in MV besonders hart. Dennoch sehen viele Unternehmer einen Hoffnungsschimmer am Horizont.

Die Fährlinie von Sassnitz-Mukran nach Ust-Luga bei St. Petersburg kämpft ums Überleben.
Stefan Sauer Die Fährlinie von Sassnitz-Mukran nach Ust-Luga bei St. Petersburg kämpft ums Überleben.

Mit Krim-Sekt und ganz großem Bahnhof hatten deutsche und russische Unternehmer im Juni 2012 in Mukran die Eröffnung der neuen Fährlinie Sassnitz-Ust Luga gefeiert. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einer „Bahnbrücke über die Ostsee“. Doch drei Jahre danach ist alle Euphorie verflogen. Zum deutsch-russischen Wirtschaftsgespräch am Freitag kamen kaum 40 Wirtschaftsvertreter. In einem kleinen Hinterraum eines Binzer Hotels hörten sie eher düstere Prognosen.

Nach der Ukraine-Krise und den verhängten Sanktionen kämpft die eigentlich nie so richtig ins Laufen gekommene Fährverbindung ums Überleben. Die GEFCO-Gruppe, eine Tochter der Russischen Staatsbahn, habe vergangenen Jahres schließlich sogar ihr Schiff ins Schwarze Meer abgezogen, berichtete Mecklenburg-Vorpommerns Infrastrukturminister Christian Pegel (SPD). Die Großfähre, die seitdem ausgerechnet die unter russischer Kontrolle stehende Halbinsel Krim versorgt, wurde durch ein Charterschiff ersetzt. Wegen der Mehrkosten wurden die wöchentlichen Abfahrten auf eine Passage pro Monat reduziert. „Immerhin, es ist uns gelungen, die Linie zu halten“, lobt sich Pegel, der auf der Logistikmesse Transrussia für den Standort geworben hatte.

Sanktionen schlagen nun durch auf die Bilanzen

Mecklenburg-Vorpommern sei deutlich enger verflochten mit der russischen Wirtschaft als andere Bundesländer, sagt der Minister. Doch nach noch einmal guten Russland-Geschäften im vergangenen Jahr schlägt die Krise seit Jahresbeginn nun auch im Nordosten furchtbar auf die Bilanzen. Während 2014 in den ersten drei Monaten noch Produkte im Wert von 60,4 Millionen Euro nach Russland geliefert wurden, waren es im gleichen Zeitraum 2015 nur noch 32,7 Millionen Euro. Auch die Einfuhren sanken von 57 Millionen Euro im Januar 2015 auf nur noch 38 Millionen Euro im März.

Entsprechend besorgt ist die Wirtschaft, wie Peter Volkmann, Vize-Chef der IHK Rostock feststellt. In einer Umfrage hätten gut ein Drittel der befragten Firmenchefs angegeben, überhaupt noch Wirtschaftskontakte mit russischen Partnern zu pflegen. Rund 75 Prozent von ihnen seien von den politisch verordneten Sanktionen betroffen. Viele litten unter Stornierungen, Auftragsrückgängen, offenen Verbindlichkeiten, sinkenden Finanzierungs- und Bürgschaftsanfragen und zunehmenden Schadensersatzforderungen. Bundesweit halten 42 Prozent der Wirtschaftsbosse die Sanktionen für unangemessen. Ein Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern habe zum Beispiel kurz vor einem 80-Millionen-Euro-Auftrag gestanden, bis die Gespräche wegen der Sanktionen zum Abbruch kamen, sagt Volkmann.

Russland sucht nach neuen Partnern

Angesichts düsterer Prognosen und einer drohenden Sanktionenverlängerung um ein halbes Jahr ist die Landespolitik zunehmend verunsichert, weil die heimische Wirtschaft weiter auf die russische Karte setzen muss. Morgen reist Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) mit zwei Kabinettsmitgliedern zu deutsch-russischen Wirtschaftsgesprächen nach Petersburg. Inzwischen wollen ihn 70 Unternehmer begleiten. Das seien deutlich mehr, als ursprünglich vorgesehen, sagt Volkmann. Andererseits bekundeten aber auch immer mehr Firmenchefs, dass Russland mal ein interessanter Markt gewesen sei, man sich aber jetzt lieber umorientiere.

Umorientierung ist derzeit auch in Russland ein großes Thema, wie Sergey Nikitin, Leiter der Repräsentanz der Handels- und Industriekammer Russlands in Deutschland feststellt. „Die politische Lage zwingt uns jetzt, vieles selbst zu produzieren, was wir früher aus der EU importiert haben.“ Kontakte würden nun vor allem nach China, aber auch in das Nicht-EU-Mitglied Schweiz geknüpft. Nach Einschätzung des Nowgoroder Wirtschaftsexperten hat Russland die erste Sanktionsphase relativ gut überstanden. „Der Rubelkurs ist wieder stabil, die Arbeitslosigkeit ist sogar etwas gesunken, und auch unsere Reserven sind im Lot.“ Zurzeit würden wieder etwa 60 internationale Großprojekte umgesetzt, viele gemeinsam mit Partnern aus den USA. Dennoch: „Es gibt für uns keinen Ersatz für die EU. Ich bin sicher, Russland bleibt in Europa.“ Einen Lösungsansatz sieht Nikitin zum Beispiel in gemeinsamen Anstrengungen deutscher und russischer Unternehmen zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme in der Ukraine.

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