Ärger bei der Armutsbekämpfung:

Wo die Gelder wirklich landen

Die Armut wächst – das beklagen die Wohlfahrtsverbände. Doch genau sie verdienen damit auch ihr Geld. Wer wissen will, wohin und wofür die stetig steigenden Sozialausgaben der öffentlichen Hand fließen, stößt schnell an Grenzen.

Die Krux mit den Sozialausgaben des Staates an die Wohlfahrtsverbände: Was oben rein geht, lässt sich bemessen. Wie es weiter geht, darf nicht kontrolliert werden.
© kimberrywood - Fotolia Die Krux mit den Sozialausgaben des Staates an die Wohlfahrtsverbände: Was oben rein geht, lässt sich bemessen. Wie es weiter geht, darf nicht kontrolliert werden.

Wieder einmal hat der Paritätische Wohlfahrtsverband einen Armutsbericht für Deutschland vorgelegt. An der Mecklenburgischen Seenplatte gelten demnach rund 25 Prozent der Menschen als arm, gemessen am Durchschnittseinkommen der Bundesbürger. In Vorpommern sind es fast 28 Prozent. Gleichzeitig steigen die Sozialausgaben, in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2002 und 2012 von 322 Euro auf 506 Euro pro Kopf und Jahr.

Die Armut gedeiht also, obwohl immer mehr Geld fließt, sie zu bekämpfen. Die FDP in MV, die der Landespolitik als Opposition außerhalb des Parlaments gegenüber steht, bietet eine Erklärung an. „Die Weigerung der großen Sozialverbände, ihre Verwaltung entsprechend der neuen Kreisgrenzen zu verschlanken, steht symbolhaft für eine Branche, die kräftig am Geschäft mit der Armut verdient“, sagt Generalsekretär Johannes Weise. „Je mehr Menschen als arm definiert werden, umso besser können Kreis- und Landesgeschäftsführer von Awo, DRK und Volkssolidarität verdienen.“ Bei den Mitarbeitern komme das Geld nämlich ebenso wenig an wie bei den Armen.

Jahreseinkommen im sechsstelligen Bereich

Einen solchen Vorwurf zu beweisen, ist fast unmöglich. Denn obwohl sie als große Unternehmen auf sozialem Gebiet den Großteil ihrer Budgets aus öffentlicher Hand erhalten, entgehen die Wohlfahrer jeder öffentlichen Kontrolle. Schließlich handelt es sich um Vereine und gemeinnützige Unternehmen. Ein Freibrief? Ab und an kommen Vorfälle ans Licht, die am sozialen Gewissen der Sozialarbeiter zweifeln lassen. Berühmt wurde 2010 Maserati-Harry in Berlin. Der Chef der Treberhilfe, ein Verein der Obdachlosen-Hilfe, fuhr unter anderem einen 140 000 Euro teuren Dienstwagen.

Einen ähnlich denkwürdigen Fall in Rostock hat vor kurzem der NDR aufgedeckt: Der Geschäftsführer der Gesellschaft für Gesundheit und Pädagogik, Trägerin von Kindertagesstätten und Therapieplätzen für psychisch Kranke, strich monatlich 17 000 Euro ein, ebenso floss parallel dazu etwas in seine Rentenvorsorge. Nordkurier-Recherchen zufolge sind solche Einkommen keine Ausnahmen. Schon ein Kreisgeschäftsführer beim DRK kommt auf 150 000 bis 200 000 Euro im Jahr, hieß es aus zwei unabhängigen Quellen. Bei den anderen Großen sehe es ähnlich aus, sechsstellige Jahreseinkommen seien üblich.

Dennoch warnen Branchenkenner, allein die Geschäftsführer-Gehälter für den unstillbaren Geldhunger der Träger verantwortlich zu machen. Auch in uneffektiven Unternehmensstrukturen oder überdimensionierten Projekten versickere Geld. Oder mit Überschüssen auf einem Gebiet werde ein weniger ertragreicher Bereich subventioniert. Beispiel: Die Kita macht Gewinn und sponsert die Kleiderkammer. Ob das die Eltern freut? Oder die Erzieherinnen, die erst seit wenigen Monaten Mindestlohn bekommen? Der Nordkurier hat solche Fälle an der Seenplatte ebenso gefunden wie in der Landeshauptstadt – jedoch nur unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit.

Drohungen lassen Kritiker verstummen

Wer so etwas offen anspricht, provoziert einen Aufstand. Er gerät in den Ruf, kaltherzig gegenüber Menschen in Not zu sein. Zudem legt er sich mit fast allen Parteien an. Kaum einer ist besser vernetzt als die Wohlfahrtsverbände, wo Politiker nahezu aller Couleur ehrenamtliche Posten besetzen: So ist der Europa-Abgeordnete der CDU, Werner Kuhn, Präsident des DRK MV mit 14 Kreisverbänden, der SPD-Landtagsabgeordnete Rudolf Borchert steht der Arbeiterwohlfahrt (Awo) vor. Bei der Volkssolidarität, der eine Nähe zur Linkspartei nachgesagt wird, geht es mittlerweile quer Beet.

Sollte dennoch mal ein außenstehender Politiker kritische Fragen zu den Geschäften der Sozialindustrie stellen, riskiert er unverhohlene Drohungen, wie der Nordkurier erfahren konnte. „Viiiiele Mitglieder und Mitarbeiter und eine Mitgliederzeitung...“ – ein solcher Wink mit dem Zaunpfahl, und der unbequeme Abgeordnete möchte lieber ungenannt bleiben. Der Bund der Steuerzahler aber und der Landesrechnungshof lassen sich nicht abschrecken. Sie würden gern mal nachschauen und nachrechnen, warum die Sozialausgaben steigen, die Armut aber wächst.

Weiterführende Links

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung