:

Afghanistan: Kommandeur flieht auch mal vor Granaten

VonEckhard KruseOberstleutnant Stefan Wind erzählt, welche Geduldsproben er im Afghanistan-Einsatz in 2012 und 2013 als Mentor eines Generals bestehen ...

Oberstleutnant Stefan Wind erzählt sehr anschaulich von seinen Erlebnissen während des ISAF-Einsatzes in Afghanistan.   FOTO: Eckhard Kruse

VonEckhard Kruse

Oberstleutnant Stefan Wind erzählt, welche Geduldsproben er im Afghanistan-Einsatz in 2012 und 2013 als Mentor eines Generals bestehen musste.

Stavenhagen.Mit den Gedanken schon voll beim Elbhochwasser zu sein und dann einen Vortrag über den zurückliegenden Afghanistan-Einsatz zu halten – das ist bestimmt nicht einfach. Doch das hatte Oberstleutnant Stefan Wind in dieser Woche zu leisten. Seine Basepohler Truppen standen schon abmarschbereit. Und auch der Bataillonskommandeur hatte den ganzen Tag selbst beim Packen geholfen. So erschien er vor den Zuhörern in Arbeitskleidung. Denn zum Umziehen war beim besten Willen keine Zeit mehr gewesen.
Der Bataillonskommandeur nahm seine Zuhörer mit auf eine spannende virtuelle Reise in eine Region, die zivile Europäer nur höchst selten kennen lernen. Eine unwirtliche und in den Flusstälern wiederum fruchtbare Region im Norden Afghanistans. In eine oft karge und staubige Landschaft, in der sich die afghanischen Kommandeure einen blühenden Garten halten. „Das ist für sie ein Statussymbol“, erläuterte Wind.
Er erzählte von der unerträglichen Hitze, die im Sommer bis zu 45 Grad im Schatten reicht, was den Soldaten das Äußerste abverlangt. Mit Schutzwesten und Ausrüstung haben sie bis zu 30 Kilo zu tragen. Und wenn sie unter ihrer Kleidung einmal nass sind, dann bleiben sie es auch den gesamten Tag, berichtete der Oberstleutnant. Sieben Liter Wasser trinke man dort am Tag.
Er selbst war Senior Mentor. Er begleitete einen afghanischen General bei der Arbeit und stand ihm mit Rat und Tat zur Seite. Die dortige Armee brauche diese Hilfe. Denn sie war erst vor wenigen Jahren aus dem Boden gestampft worden, berichtete Wind. Das sprachliche Hin und Her mit Übersetzer sei nicht einfach gewesen. Und die afghanische Mentalität, alles zu zerreden und nicht zum Punkt zu kommen, verlangte dem Mentor ein Höchstmaß von Geduld ab. Und manchmal – so räumt der Oberstleutnant ein: „Da ist man frustriert, wenn er es nicht so verstanden hat, wie man es wollte.“
Unterwegs heißt es, Augen, Ohren und auch die Nase offen zu halten. Denn die selbst gebastelte Sprengsätze könne man mitunter auch riechen. Die Soldaten seien geschult, an welchen Stellen improvisierte Sprengladungen lauern können. Ein Foto zeigt eine aufgerissene Straße. In Ortschaften ist oft Geduld gefragt. „Wenn man fünf Minuten mit dem Auto in einer Menschenmenge steht, weil Markttag ist, sollte man Ruhe bewahren.“ Eine zweite Gefahr seien „Schläfer“ – etwa Taliban in der afghanischen Armee – die ausländische Soldaten bei der Ausbildung erschießen könnten. Und Wind berichtet, wie auch er einmal das Weite gesucht hat, als jemand mit Granaten umherlief. Zur Sicherheit. Passiert sei dann glücklicherweise nichts.
Stefan Wind ist überzeugt: „Dieser Einsatz bringt was.“ Damit werde für die Sicherheit gesorgt, dass Wirtschaft und Bildung langsam gedeihen können. Große Hoffnungen setzt Wind auf die Kinder. Sie gehen fast alle zur Schule und anders als bei den Taliban auch die Mädchen. In einigen Jahren würden dann auch die künftigen Bauern, Beschäftigen und auch die Soldaten besser ausgebildet sein.Momentan sind 60 Prozent der Menschen Analphabeten, auch der Großteil der Soldaten und sogar viele Offiziere.

Kontakt zum Autor
e.kruse@nordkurier.de