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Brötchen rollen bis vor die Haustür

VonMathias GreisertFür Dorfbewohner ist fast jede Erledigung mit langen Wegen verbunden. Bei der Lebensmittelversorgung nehmen daher viele gern mobile ...

Gleichung mit drei Bekannten: Die meisten ihrer Kunden in der Mecklenburgischen Schweiz kennt Bäckereiverkäuferin Sandra Krüger seit vielen Jahren. [KT_CREDIT] FOTOs (2): Mathias Greisert

VonMathias Greisert

Für Dorfbewohner ist fast jede Erledigung mit langen Wegen verbunden. Bei der Lebensmittelversorgung nehmen daher viele gern mobile Angebote an. Wir haben eine Bäckerei- verkäuferin begleitet.

Teterow.Die heisere Hupe bräuchte Sandra Krüger eigentlich gar nicht. Denn wo sie mit ihrem Bäckerauto auch halt macht, wird sie schon freudig erwartet. Die blonde Mittdreißigerin trägt das typische gelbe Poloshirt mit rotem Halstuch der Teterower Bäckerei Jaretzke. Aussteigen muss sie nicht. Nur ein paar gebückte Schritte und eine kleine Tür trennen sie von Brotregal und Kuchentheke im hinteren Teil des Fahrzeugs. Die Seitenklappe des Renault-Transporters öffnet sie per Knopfdruck.
„Na, heute etwas später?“, wird Sandra Krüger in Gielow lächelnd begrüßt. Unbewusst reckt Stammkundin Grete Engel leicht den Kopf und schließt für einen winzigen Moment die Augen. Denn mit dem kompletten Sortiment bringt Sandra Krüger auch den Duft einer „normalen“ Bäckereifiliale bis vor die Haustür. „Besser können wir es doch gar nicht haben“, sagt ihre Kundin, die gleich noch für eine Nachbarin etwas Brot mitkauft. Ein fröhliches „Bis nächste Woche“, dann schnell Klappe runter, Motor an und weiter zur nächsten Station.
So oder so ähnlich geht das auf der heutigen Tour an die 50 Mal. Acht Mal hält Sandra Krüger allein in Gielow. Auf drei verschiedenen Routen legt sie jede Woche über 500 Kilometer zurück. Jedes „ihrer“ Dörfer steuert sie zweimal wöchentlich an. „Es ist schon rührend, wenn einem manche Kunden plötzlich das Du anbieten“, lächelt sie. 1994 begann die heute 35-jährige ihre Ausbildung zur Verkäuferin bei der Traditionsbäckerei. Mit der Übernahme des elterlichen Betriebs durch Olaf Jaretzke und seine Frau Silke „erbte“ sie von dieser das Steuer der rollenden Überland-Filiale.
Die schmalen Nebenstraßen der Mecklenburgischen Schweiz kennt Sandra Krüger inzwischen im Schlaf. Über Liepen, Langwitz und Demzin, über Carlsruhe und Zettemin führt sie die heutige Tour noch bis nach Gülzow bei Stavenhagen. Heiseres Hupen, Klappe hoch. Besorgt fragt Kundin Eva Reimann, ob es unterwegs Probleme gab. „Wir dachten schon, sie kommen heute nicht mehr.“ Ein halbes Mischbrot, zwei Mandarinen-Schnitten. „Wir brauchen ja nicht viel“, sagt die Rentnerin. Zweimal die Woche kommt der Bäcker, am Freitag ein Lebensmittelbus. Das reiche ihr vollkommen aus. „Du weißt schon gar nicht mehr, wie es in der Stadt aussieht“ stupst ihre Nachbarin sie lachend an.
Klappe runter, Motor an. Auf der holprigen engen Straße schaukelt das Bäckerauto wie ein Schiff auf hoher See. Plötzlich knallt es hinter der kleinen Tür. „Leere Kiste“, beruhigt die Verkäuferin lächelnd. Der Blütengeruch der Rapsfelder flutet ins Wageninnere. Im Winter sei sie auch schon mal stecken geblieben, sodass ein Kollege sie rausziehen musste, erzählt Sandra Krüger. Normalerweise müssten ihre Kunden aber bei keinem Wetter auf ihre frischen Brötchen verzichten. „Nebenstraßen werden oft von den Bauern geräumt“, sagt sie. „Da komme ich manchmal besser durch als auf der Landstraße.“
Inzwischen hat Sandra Krüger für heute ihre letzte Station erreicht, ein Autohaus in Malchin. Ein letztes Mal heiseres Hupen, ein letztes Mal Klappe hoch. Groß ist die Auswahl nicht mehr. Sie überzeugt ihre Kundin, ebenfalls eine gute Bekannte, der Minztorte eine Chance zu geben. Ein kurzer Plausch über die Kinder, dann muss Sandra Krüger nur noch nach Teterow zurück und die wenigen Reste ausladen. Morgen früh um sieben wird sie ihr Auto für die nächste Tour beladen.

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