Milchbauern der Region in Not:

Höfesterben greift weiter um sich

Tiefpreise bei Milch, die deutlich unter den Erzeugerkosten liegen, haben Konsequenzen. Die Milchbauern stecken in einer schweren Strukturkrise. In deren Folge wird sich das Bild der Dörfer wie der Landschaft nachhaltig verändern.

Sorgenvoll blickt Georg Reichert in die Zukunft. Er hatte seinen Milchstall mit erheblichem Aufwand modernisiert.
Eberhard Rogmann Sorgenvoll blickt Georg Reichert in die Zukunft. Er hatte seinen Milchstall mit erheblichem Aufwand modernisiert.

Bauernopfer – das Wort klingt in den Ohren von Matthias Hantel derzeit wie purer Zynismus. Der Chef des Bauernverbandes Güstrow befürchtet ein Höfesterben wie es zuletzt vor fast 90 Jahren im Zuge der Weltwirtschaftskrise von 1929 in der Region um sich gegriffen hatte. Betroffen sind zuerst die Milcherzeuger. Das Problem eines Überangebots von Milch ist nicht neu. Schon seit längerem sind die Preise im Keller, die Bauern auf den Barrikaden. Doch mittlerweile ist die Existenzbedrohung keine latente Gefahr mehr, sondern grassierende Praxis.

„Die ersten Betriebe haben bereits aufgegeben. So in Schorssow, Breesen, Spoitgendorf“, zählt Hantel auf. Es werden nicht die letzten sein. Dafür mehren sich die Anzeichen. Was der Bauernvertreter als besonders tragisch empfindet: „Die modernisierten Betriebe trifft es am härtesten.“ Als Beispiel nennt er den Familienbetrieb Reichert in Bartelshagen. Vor drei Jahren, als der Markt sich erholte, die Preise wieder anzogen, hatte sich Georg Reichert entschlossen, endlich anstehende Ersatzinvestitionen zu tätigen. Er baute einen neuen Stall, der allen Anforderungen an das Tierwohl entsprach. Dieser wurde mit modernster Melktechnik auf computerbasierter Steuerung ausgestattet. Damit nicht genug, stockte der Bauer seinen Tierbestand um ein Viertel auf. Anderthalb Millionen investierte er in der Zuversicht, dass sein Sohn den Betrieb weiterführen werde.

„Der Betrieb steht beispielhaft für eine ganze Reihe, wo es ähnlich lief. Ich denke an Sudbrock in Groß Wüstenfelde, Schlingmann in Perow, um nur einige zu nennen“, zeigt Matthias Hantel auf. Dann brach die Krise herein. Die war nicht allein der Aufhebung der Milchquote 2015 in der EU geschuldet. Dazu kam der Wirtschaftsboykott Russlands sowie Exportrückgänge nach Asien. „Das sind keine marktüblichen Preisschwankungen, das ist eine handfeste Strukturkrise. Ist die durchstanden, wird die Landschaft hier nicht dieselbe sein wie zuvor“, ist Hantel überzeugt. Verwaiste Weiden gibt es schon heute. Das werde zunehmen.

Doch wo sind die Alternativen? „Das Grünland muss bewirtschaftet werden. Aber wir können den Milchkuhbestand nicht durch Mutterkuhherden ersetzen. Auch die ökologische Produktion bleibt nur eine Nische“, weiß der Fachmann.

Seine Konsequenz: Die Politik opfert den Bauernstand. „Russland wird als Markt nicht mehr zurückkommen. Dort wird derzeit kräftig in den Aufbau einer modernen Landwirtschaft investiert. Putin winkt mit 30 Millionen Hektar Brachland und steuerlichen Vergünstigungen für Investoren.“ Eine weitere Gefahr lauert im Westen: TTiP. Die USA werden die EU mit Lebensmitteln überschwemmen, wenn das Abkommen steht, ist Hantel überzeugt. So wie es hierzulande schon keine Textilindustrie mehr gibt, könnte das nächste Opfer der Globalisierung die Landwirtschaft sein.

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