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Mit Fiddel und Banjo im Store

VonAxel ScheibeVirginias Geschichte ist lebendig und klingt nach Old Time Music und Blue Grass. Das kleine Städtchen Floyd ist ein wahres Eldorado für ...

Die Musiker von den Timber Rattlers treffen sich jeden Donnerstag im Stringbean Coffee Shop von Galax.  Foto: Axel Scheibe

VonAxel Scheibe

Virginias Geschichte ist lebendig und klingt nach Old Time Music und Blue Grass. Das kleine Städtchen Floyd ist ein wahres Eldorado für traditionelle Musik der ersten amerikanischen Einwanderer.

Floyd.Samstagsruhe hat sich über Floyd gelegt. Vögel zwitschern in den Bäumen, die im Ortskern einen kleinen Park bilden. In der Ferne knattert ein Rasenmäher. An den, zumeist nicht vorhandenen Gartenzäunen, treffen sich Nachbarn zu einem morgendlichen Plausch. Da geht es ums Wetter, um die Kinder und vielleicht auch um Sonderangebote im örtlichen Supermarkt? Der gestrige Abend jedoch, wird kaum im Mittelpunkt der Gespräche stehen, dazu ist er für die Einwohner des Städtchens im Süden Virginias zu normal. Seit Jahrzehnten ist das so. Nur bei den Touristen, da gibt er sicher Gesprächsstoff für längere Zeit.

Mit der Ruhe ist es am
Freitagabend vorbei
Zwölf Stunden zurück – Freitagabend in Floyd: So gegen 18 Uhr trudeln sie ein, die Musikanten. Nicht nur aus Floyd kommen sie, sondern auch von den umliegenden Farmen und Dörfern. Am Freitagabend wird die Kleinstadt zum einem Eldorado traditioneller Musik. Da ist es mit der Ruhe vorbei. An jeder Ecke, auf jedem Platz finden sich die Musiker zusammen, um auch andere an ihrem Hobby teilhaben zu lassen. Gospel, Blue Grass und vor allem Old Time Music klingt durch die Straßen. Woody Cranshaw, der Besitzer des örtlichen Country Store erklärt:„Wissen sie“, so der etwas rustikal wirkende Mann. „Als vor 300 Jahren die Einwanderer in Virginia angekommen sind, haben sie natürlich auch ihre eigene Musik mitgebracht. Das waren vor allem Iren und Schotten aber auch zahlreiche Deutsche. Natürlich hatten sie nur Instrumente im Gepäck, die leicht zu transportieren waren. Für ein Banjo oder auch eine Geige reichte es meist. Oder man hat sich dann in der neuen Heimat selbst etwas gebaut. So entstand die Old Time Music.“
Natürlich erhielt die Musik der Einwanderer diesen Namen erst später, doch gespielt wird sie in Dörfern und auf den Farmen immer noch. Speziell dort, wo die ersten Einwanderer ihre Wurzeln schlugen. Dazu gehört auch die Region um Floyd. Über Jahrzehnte war der Country Store, der heute Woody und seine Frau Jacky gehört, die erste Adresse für die Hobbymusikanten. Wer auf den Straßen das größte Publikum fand, erhielt auf der Bühne im hinteren Teil des Ladens die Chance, aufzutreten. „Als wir den Store vor sechs Jahren gekauft haben, schienen seine besten Zeiten vorbei zu sein“, erinnert sich Woody. „Die Leute kauften immer mehr in den neu entstandenen Supermärkten. Von der Musik allein, war er schwer zu erhalten.“ Das hat sich geändert. Wie zu alten Zeiten kommen die Farmer wieder hierher, um aus dem breiten Angebot nicht nur für den täglichen Bedarf zu wählen. Außerdem erlebt die traditionelle Musik eine ungeahnte Renaissance. Wenn der Country Store voll ist von Menschen, die im Rhythmus mitschwingen oder die Tanzfläche füllen, sind auch mindesten ein Dutzend Bands auf den Straßen und Plätzen im Einsatz. Die ganze Stadt lebt Musik. Und wenn dann noch fast jeder der Musik-Fans zusätzlich einen gelben Aufkleber auf dem Shirt trägt, dann weiß nicht nur Woody, dass sich der Tag gelohnt hat. Diese Aufkleber sind nämlich die Eintrittskarten für seinen Store.

Potenzial der Musik wurde von Touristikern erkannt
Der Country Store in Floyd und die freitäglichen Sessions im Ort zählen zu den Top-Events entlang der Crooked Road, einer musikalischen Route quer durch den Süden Virginias bis an die Grenze von Tennessee. „Unsere Touristiker haben da vor einigen Jahren erkannt, was für Potenzial in dieser ursprünglichen, so kraftvollen Musik steckt“, erläutert Ray Kohl, Tourismusdirektor von Galax, einer weiteren Topadresse entlang der Crooked Road. „Nicht nur, dass die Old Time Music Grundlage für einige der wichtigsten Musikrichtungen geworden ist, ohne sie gäbe es keine Country Musik, keinen Folk und selbst der Rock’n’Roll findet seine Wurzel darin. Die Kraft und der Rhythmus der Old Time Music reißen bis heute alle mit.“ Auch in Galax finden regelmäßig Sessions mit dieser Musik statt. In den kleinen Gaststätten ebenso wie im örtlichen Rex-Theater. Das frühere Kino wurde umgebaut und lädt jeden Freitagabend mit neuen Bands zu neuen Konzerten. Auf der Welle 98,1 FM strahlen 100 000 Watt die Old Time Music und Blue Grass hinaus in die Welt. Die Sessions aus dem historischen Rex-Theater gehen nämlich auch live ins World Wide Web.
Aber wo ist der Unterschied zwischen Old Time Music und Blue Grass. Stu Shenk, Mitglied der Old Fiddlers Convention Galax sieht das nicht so verbissen. „Oft gibt es auch fließende Übergänge. Doch eigentlich kann man beides ganz gut unterscheiden. Die Ausgangsmusik ist die Old Time. Sie ist viel rhythmischer und härter. Bei den Musikern ist mehr Temperament im Spiel. Zum Beispiel am typischen Banjo: Während der Musiker beim Blue Grass nur mit der Hand und mit den Fingern zupft, schlägt der Old Time Musiker die Seiten und bewegt dabei den ganzen Arm. Zur Old Time Music muss man ganz einfach tanzen. Beim Flat Foot Tanz bleibt der Oberkörper zwar fast in Ruhe, dafür ist in den Beinen umso mehr Bewegung. Blue Grass Bands spielen dagegen eher zum Konzert.“ Stu Shenk weiß, wovon er spricht. Seit fast 40 Jahren ist er mit Fiddel, Banjo und seinen Bandkollegen für das Publikum da. Dabei sind es durchweg Hobbymusiker, die sich der Old Time Music in ihrer ursprünglichsten Form verschrieben haben. Stu ist Tischler, es gibt einen Piloten, einen Zimmermann, Kraftfahrer, Studenten und Rentner. Wenn sich Stu seine Geige nimmt, ist er in seinem Element. Als Geiger im klassischen Sinn würde er sich aber nicht bezeichnen wollen. „Ich bin ein Fiddler. Das trifft es besser“, ergänzt er schnell noch, bevor mit seinen Freunden im Stringbean Coffee Shop zum Tanz aufspielt. So wie fast jeden Donnerstagabend. Die Gäste warten bereits.
Die Old Fiddler Convention in Galax ist die älteste und größte entlang der Crooked Road. Immer im August laden die Musiker zu sechs tollen Tagen auf den Straßen der Stadt ein.
Nicht so leicht zu finden, für Musikfans aber ein Muss, ist der County Shop in Floyd. Im Untergeschoss in einer kleinen Nebenstraße, fast versteckt die Eingangstür zu einer wahren Schatzkammer. Über 4000 verschiedene CDs rund um Old Time und Blue Grass stehen, säuberlich geordnet, in unscheinbaren Regalen. Die Mitarbeiter um Judy Mannon kennen ihre Schätze. Werbung ist kaum nötig. Die Fans wissen Bescheid und der Hauptanteil des Geschäfts läuft sowieso über das Internet.

Mit Old Time Music im
Player Richtung Norden
Natürlich mit Old Time Music im CD-Player des Autos geht es dann wieder nördlich in Richtung Heimflug. Zwei Stopps sollte man dabei auf jeden Fall ins Auge fassen. Zum einen den Abstecher nach Staunton mit lebendiger Geschichte nicht nur im Frontier Culture Museum. Eine sehenswerte Altstadt lädt ein, auf den Spuren des 28. Präsidenten der USA, Woodrow Wilson, zu wandeln. Wer sich im Miller House Bed & Breakfest einmietet, lebt im Museum. Viktorianischer geht es kaum.
Im Gegensatz dazu steht die Fahrt über den Shenandoa Skyline Drive ganz im Zeichen der Natur. Dutzende Aussichtspunkte mit überwältigenden Panoramablicken lassen die Fahrt zu einem zeitraubenden Abenteuer werden. Eine Zwischenübernachtung im Skyland Resort lohnt sich. Vielleicht unternimmt man die eine oder andere Wanderung oder erkundet den Shenandoah Nationalpark auf dem Rücken gut erzogener Pferde. Zuletzt sollte man auf jedem Fall Zeit für die Luray Caverns einplanen. Diese Tropfsteinhöhle liegt nur wenige Kilometer abseits des Skyline Drives und stellt alles in den Schatten, was man in Deutschland gesehen haben könnte.