Wenn das mit dem Fahrrad nicht geht:

Umweltbewusste Autofahrer lenken nicht nur Neuwagen

Naturschützer fahren kein Auto, sondern treten in die Pedale. Dieses Klischee hält sich hartnäckig. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Auch Umweltschützer lenken Autos – und es sind nicht immer die aktuellsten Öko-Modelle der Automobilhersteller.

Wer sein altes Auto mit Liebe pflegt und lange fährt, ist nicht per se ein Umweltfreveler. Für die persönliche Öko-Bilanz ist es viel wichtiger, jede einzelne Autofahrt auf den Prüfstand zu stellen. Foto: Ingo Wagner
Ingo Wagner Wer sein altes Auto mit Liebe pflegt und lange fährt, ist nicht per se ein Umweltfreveler. Für die persönliche Öko-Bilanz ist es viel wichtiger, jede einzelne Autofahrt auf den Prüfstand zu stellen. Foto: Ingo Wagner

Es ist der klassische T1-Bus, der vorn statt des VW-Logos ein großes weißes Peace-Zeichen trägt. Er ist über und über mit Blumen, Regenbögen und bunten Wolken bemalt. Die Vorurteile über Hippies und Naturschützer sind haltbarer als ihre Fahrzeuge. Doch fahren Naturschützer wirklich andere Autos?

„Das hoffe ich mal“, sagt die Diplom-Biologin Anja Kureck vom NABU Mecklenburg-Vorpommern. Die Frage sei, was man unter dem Wort „Naturschützer“ verstehe. „Man muss dazu ja nicht zwingend Biologie studiert haben. Ich selbst versuche auf jeden Fall, möglichst auf die Bahn auszuweichen“, erklärt Kureck. Ganz auf das Auto verzichten könne sie jedoch nicht, da sie auf dem Land wohne und selbst die nächste Bahn-Station sieben Kilometer entfernt sei. Spätestens beim Wocheneinkauf sei das unpraktikabel.

Auto so lange fahren, bis es nicht mehr geht

In erster Linie gehe es aus der Sicht des Naturschutzes darum, das Auto, das man bereits hat, so lange zu fahren, bis es wirklich nicht mehr geht. Denn natürlich müsse auch das sparsamste Auto erst mal produziert werden, was immer mit einem großen Aufwand an Ressourcen und Energie verbunden sei. Sein eigentlich noch funktionsfähiges Auto wegzugeben, im Zweifel verschrotten zu lassen, um sich ein Highend-Öko-Auto zu kaufen, wiege das in den seltensten Fällen auf, erläutert sie. „Deshalb stand ich der Abwrack-Prämie damals auch sehr kritisch gegenüber, weil dadurch genau das gefördert wurde.“

Urlaub mit dem Auto ökologischer als mit dem Flieger

Aber die Expertin kennt einige ehemalige Kommilitonen, auf die das mit dem berühmten T1 tatsächlich zutrifft. Wenn die dann im Urlaub damit durch Europa gefahren sind, statt sich ins Flugzeug zu setzen, sei das auch tatsächlich ökologischer. „Im Alltag finde ich sie eigentlich unpraktisch, wenn man nicht gerade täglich eine Horde Kinder kutschieren muss. Ich selbst fahre einen Kleinwagen“, sagt die NABU-Mitarbeiterin. Sie findet, dass in Deutschland zu viel Auto gefahren wird. „Dabei bringen mich zwei Dinge zum Grübeln. Wenn ich vom Bahnhof zur Arbeit gehe und in die Autos schaue, die an mir vorbeifahren, sitzt da meist nur eine Person drin. Das sollte sich effektiver lösen lassen, damit ließen sich einige Autos einsparen.“ Und wenn sie in Großstädten unterwegs sei, staune sie über die vielen Geländewagen und frage sich, ob die jemals etwas anderes unter den Rädern hatten als Asphalt.

"Bevor ihr das nächste Mal einkaufen fahrt: Fragt euren Nachbarn, ob ihr was mitbringen sollt!"

Was sollte die Autoindustrie aus Sicht des NABU machen? Es gebe große Wettbewerbe, bei denen Studenten dazu aufgerufen werden, Fahrzeuge zu konstruieren, die mit möglichst wenig Sprit möglichst viele Kilometer fahren. Unzählige interessante Ansätze gibt es bereits. „Nun sollte die Autoindustrie diese auch umsetzen“, fordert sie. Und die Politik sollte endlich eine Kennzeichnung einführen, die auf den ersten Blick den Spritverbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß von Kraftfahrzeugen aufzeigt. Außerdem seien Kohlendioxid-Grenzwerte für Fahrzeuge längst fällig. Jeder könne aber umweltbewusst mit seinem eigenen Auto umgehen. „Bevor ihr das nächste Mal einkaufen fahrt: Fragt euren Nachbarn, ob ihr was mitbringen sollt! Das schont die Umwelt und trägt zur guten Nachbarschaft bei“, meint die Biologin schmunzelnd.

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