Gebetsphase“ vor jedem Feuerwerk:

Buchholzer hat sich als Pyrotechniker selbstständig gemacht

Ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch“, beschreibt sich Frank Kotte selbst.

Fünf Minuten vor jedem meiner Feuerwerke denke ich immer: Was tust du hier, bist du denn bekloppt? Die Erwartung ist riesig, denn ein Feuerwerk kannst du ja nicht proben. Dann gibt es einen unheimlichen Adrenalinstoß und schließlich eine ,Gebetsphase’. Technisch ist alles durchgecheckt und ich kann nur noch auf meine Fähigkeiten vertrauen“, erzählt er. Wenn sein Feuerwerk startet, erlebt er eine „absolute Konzentrationsphase mit 150 Prozent meiner Sinne“. Und wenn alles glatt gegangen ist, die Leute eine Gänsehaut bekommen und jubeln, ist er froh. „Danach falle ich regelrecht zusammen.“

Aber zum Aufräumen muss sich Kotte noch einmal hochraffen. Seine Zuschauer sind dann meist schon heiter und beschwingt auf dem Heimweg. Der 43-Jährige aus Buchholz bei Neubrandenburg ist „staatlich geprüfter Pyrotechniker“. „Feuerwerker ist eigentlich auch ein sehr schönes Wort für meinen Beruf. Mit Werkeln hat er ja immer zu tun“, sagt er. „Nur einen Nachteil gibt es. Bei Feuerwerker denken viele gleich an Feuerwehr.“‹‹ Vulkane statt Tafeln ››Seit zweieinhalb Jahren ist Kotte selbstständiger Unternehmer, bietet mit seiner Firma „Papyros“ kreative Pyrotechnik und Spezialeffekte an, „Feuerromantik für die Sinne“ nennt er seine Dienstleistung gern. Bei seiner Berufswahl hat der Abiturient Kotte aber zunächst nicht an Fontänen, Vulkane, Bengalische Lichter und Raketen gedacht, sondern mehr an Schüler, Tafeln und Lehrbücher.

Er hat Pädagogik studiert, dann auch fünf Jahre lang seine Fächer Sport und Geografie in Neubrandenburg sowie im nahen Mölln und Tützpatz unterrichtet. „Ich bin mit den Schülern immer gut klargekommen“, berichtet er. Aber mit der Wende haben sich für ihn so viele neue Möglichkeiten ergeben. „Mein Traum war es, Lehrer im Ausland zu werden. In Schweden am liebsten.“ Das hat nicht geklappt. Trotzdem wurde Kotte dieses Gefühl nicht los: „Die Gesellschaft um dich herum verändert sich, du musst dich auch verändern.“ Deshalb hat er der Schule und dem sicheren Einkommen auf Wiedersehen gesagt.‹‹ Beim Theater mitgearbeitet ››Kotte begann beim Kammertheater Neubrandenburg an Projekten mitzuarbeiten, half beim Umzug vom alten Mehrzweck-Gebäude „Kosmos“ ins Schauspielhaus.

Das neue Haus sollte mit einem Molière-Stück aus der Zeit des französischen Sonnenkönigs eröffnet werden. „Und weil es an seinem Hof üblich war, nach der Vorstellung ein Feuerwerk zu zünden, wollten wir an diese Tradition anknüpfen.“ Frank Kotte hat das Spektakel mit vorbereitet und dabei selbst Feuer gefangen. „Obwohl ich bis dahin gar keine besondere Beziehung dazu hatte. Ich kann mich nur erinnern, dass ich so mit 11 oder 12 meinem Vater gern geholfen habe, wenn er für eine Kulturveranstaltung in seinem Betrieb ein Feuerwerk vorbereitet hat. Das hat mich schon irgendwie fasziniert.“Leute vom Schauspielhaus hatten dann auch die Idee für ein Feuer-werkstheater. Kotte war dabei, zunächst aber vor allem als technischer Helfer. „Irgendwann musste ich auch einen Lehrgang besuchen, ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, Praktika nachweisen“, erzählt er.

Die Prüfung muss alle fünf Jahre wiederholt werden. „Das ist wie eine Lizenz, ob jemand vertrauenswürdig ist. Schließlich ist es damit leicht, an Sprengstoff zu kommen.“ Schon am Anfang seiner Feuerwerker-Karriere entwickelte Kotte viele Ideen – etwa für einen regensicheren Zündmechanismus. „Aber ich habe vieles nur aus dem Bauch heraus probiert“, sagt er. Deshalb sei es gut gewesen, dass er 1993/94 anfing, mit der Berliner Firma Flash Art zusammenzuarbeiten. „ Profis, die schon damals bei großen internationalen Veranstaltungen dabei waren“, erklärt er. Auch heute als selbstständiger Unternehmer ist Kotte noch freier Mitarbeiter bei Flash Art. Im Jahr 2000 hatte er sich durchgerungen, seine Firma Papyros zu gründen. „Wenn man sich immer nur nebenberuflich mit einem Metier beschäftigt, bleibt man zwangsläufig auf einem bestimmten Stand“, meint er.

Außerdem ließ die Familiensituation bei Kottes damals diesen Schritt zu. „Die Kinder waren alt genug, auch mal allein zu Hause zu bleiben“, erklärt der 43-Jährige, dessen Frau als selbstständige Puppenspielerin ebenfalls viel unterwegs ist. ‹‹ Markt schwer zu erobern ››Obwohl Konkurrenten mit Feuerwerks-Angeboten nicht dicht gesät sind, hat es Kotte auf dem Markt nicht leicht. Feuerwerk ist Vertrauenssache, da greifen Veranstalter lieber auf bekannte als auf neue Anbieter zurück, weiß der Unternehmer. Gerade an der nahen Ostseeküste gebe es einen großen Markt, aber der sei eben nicht so leicht zu erobern.Und mit „bunter Grütze“ durch die Gegend tingeln – dazu sind Kottes selbstgesteckte Ansprüche zu hoch. Er ist längst nicht mehr „nur Techniker“, sondern komponiert seine Feuerwerke. Sie müssen „ein sinnliches Erlebnis“ sein, meint er. Musik gehört für ihn dazu.

Etwas Klassisches vielleicht von Orff, Händel oder Mussorgski, etwa Modernes wie Tom Waits, Sting oder die Stones, vielleicht Filmmusik – je nach Wunsch des Veranstalters. Auch Effekte mit Licht und Wasser können eingesetzt werden. Wenn Kotte vor seinem Computer sitzt und die Musik hört, „schreibt“ er sein Feuerwerk. Sucht nach den richtigen Farben, den passenden Effekten. Überlegt, was das vorgesehene Gelände an Buschgruppen, Teichen oder großen Steinen bietet, wie er sie einbeziehen kann, wo die Feuerschalen Platz finden. Auch technisch gibt es viel zu bedenken, zum Beispiel die Zündzeiten genau zu berechnen, damit die Musik nicht etwa „zerknattert“ wird. In sechs bis acht Minuten Feuerwerk stecken so mit Konzept, Vorbereitung und Aufbau schnell 50 bis 60 Stunden Arbeit. „

Was der Zuschauer nicht merkt und auch nicht merken soll“, sagt Kotte.Aber das heiße letztlich auch: „Feuerwerk ist teuer.“ Seine inszenierten Musikfeuerwerke sind ab 1000 Euro zu haben. Ein Preis, der manchen Kunden abschreckt. „Das Interesse daran ist vorhanden, aber die Finanzkraft fehlt oft“, weiß Kotte. Trotzdem will er mit seinen Vorstellungen nicht unter ein bestimmtes Qualitäts-Level gehen, weil er seine „Marke Papyros“ etablieren will. ‹‹ Immer Saison ››Saison ist für den Feuerwerker übers ganze Jahr, besonders gefragt sind seine Dienste aber im Sommer und in der Zeit um den Jahreswechsel. Doch selbst im kleinen Ort Buchholz bleibt der Feuerwerker von der aktuellen Politik nicht unberührt. Eigentlich wollte Kotte zu Silvester für Flash Art in Moskau arbeiten. Das Feuerwerk wurde aber wegen der Anschläge in Russland gestrichen. Auch nach den Anschlägen vom September 2001 in den USA seien viele Aufträge – unter anderem für seine Partner von Flash Art – weggebrochen.

„Bei Großveranstaltungen waren Feuer und Explosionsgeräusche nicht gefragt.“ Jetzt nehme die Akzeptanz langsam wieder zu, sagt der Pyrotechniker.

 

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