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Das dritte Fest hinter Gittern ist das bitterste

Wenn sich jetzt alle wünschen, das Fest der Feste könnte ruhig noch ein paar Tage längern dauern, hat ein 22-Jähriger mit Weihnachten gerade überhaupt nichts am Hut. Je schneller das vorbei ist, um so besser.

Blick nach draußen. Gerade Weihnachten wäre der junge Mann, der in einem kleinen Dorf in der Seenplatte zu Hause ist, nur zu gern bei der Verlobten und dem Sohn.
Thomas Beigang Blick nach draußen. Gerade Weihnachten wäre der junge Mann, der in einem kleinen Dorf in der Seenplatte zu Hause ist, nur zu gern bei der Verlobten und dem Sohn.

Emanuel verstößt gerade wieder gegen die Anstaltsordnung. 30 Bilder darf er eigentlich nur an seine Wände kleben, gut 50 sind es mittlerweile, gibt der 22-Jährige zu. Gott sei Dank hat aber noch niemand die Fotos nachgezählt. Kann auch sein, hier lassen die Vollzugsbeamten Nachsicht walten. 50 Fotos oder 30 - eigentlich ist das ja auch egal.

Emanuel sitzt hinter Gittern. Drei Jahre und neun Monate, so entschied der Richter am Amtsgericht, muss er büßen. Dafür, einen anderen mit Fäusten und Füßen misshandelt zu haben. Gefährliche Körperverletzung lautete die Anklage, dazu kamen noch einige „Kleinigkeiten“ wie Fahren ohne Führerschein. 45 Monate soll der junge Mann dafür in der Jugendanstalt in Neustrelitz verbringen. Nicht nur zur Strafe. Anders als bei Erwachsenen steht im Jugendstrafrecht noch die Erziehung im Vordergrund. Das nervt Emanuel. Hätte er sich das aussuchen können, wäre er lieber in Bützow oder ein anderes „normales“ Gefängnis eingezogen. „Dort hast du mehr deine Ruhe“, weiß der Strafgefange. In Neustrelitz bleibt den jungen Verurteilten nicht viel Zeit. Schule, Berufsausbildung, Anti-Aggressions-Training und außerdem wird gern gesehen, wer seine Freizeit sinnvoll verbringt. Bei den Kaninchenzüchtern in der Anstalt oder den Holzschnitzern etwa.

Auf allen Fotos, die bei dem jungen Mann aus einem kleinen Dorf mitten in der Mecklenburgischen Seenplatte „auf Zelle“ hängen, sind seine Verlobte oder der 21 Monate alte gemeinsame Sohn zu sehen. Der Blick auf die Liebsten gerät gerade jetzt besonders schwer. „Dieses Weihnachten ist das bisher bitterste“, graut Emanuel so kurz vor dem Fest. Gehe es nach ihm, könnte Weihnachten 2013 aus dem Kalender gestrichen werden. „Weil ich doch jetzt Familie habe“, begründet er seine neuerliche Abneigung gegenüber den Festtagen. „Die beiden sind draußen und ich darf nicht bei ihnen sein.“ Emanuel verfügt durchaus über Vergleichsmöglichkeiten. Denn die bevorstehenden Feiertage sind schon die dritten, die der junge Mann hinter Gittern verbringt. Die gegenwärtig zu verbüßende Haftstrafe ist nicht seine erste. Schon mit 17 Jahren wussten sich die Richter keinen anderen Ausweg mehr, als ihn zu einer Freiheitsstrafe „pur“, ohne Bewährung, zu verurteilen. Zwei Mal erlebte er seinerzeit den Jahreswechsel in der Anstalt. „Damals war mir das egal, ob Weihnachten gerade im Kalender stand oder nicht“, erinnert er sich an die alten Zeiten. Doch weiß der verurteilte Körperverletzer auch ganz genau, dass gerade die Weihnachtsfeiertage den jugendliche Straftätern in Neustrelitz mächtig zu schaffen machen. „Fünf Prozent, höchstens“, schätzt der Insasse den Teil seiner Kollegen ein, denen Tage wie diese wirklich am Hintern vorbei gehen. Alle anderen laufen mit Leichenbittermienen herum oder liegen öfter auf den Betten als sonst. Mit dem Gesicht nach unten. „Aber niemand“, schüttelt Emanuel mit dem Kopf, „gibt das zu“. Keine Schwäche im Knast, das Gesetz Nummer eins hinter Gittern.

„Ganz weit weg, wo mich keiner kennt“

Als ob der verurteilte Straftäter schon geahnt hat, wie schwer Anstalts-Weihnachten für jemanden mit Familie zu verkraften sind, hat er seiner zwei Jahre älteren Verlobten vor dem Einzug angeboten, mit ihm Schluss zu machen. Das hat die aber abgelehnt. Sie würden das schon schaffen, so das Versprechen. Aber 45 Monate sind eine lange Zeit. Gerade ein Jahr alt war der Sohn, als der junge Vater die kleine Familie verlassen musste, fast fünf wäre der Kleine bei der Entlassung. Und ob es bei dem Wiederholungstäter Emanuel für eine vorzeitige Entlassung reichen wird, steht noch in den Vollzugssternen. Denn der junge Mann hat es noch nicht einmal geschafft, pünktlich im Februar die Haft anzutreten. „Die Tasche war schon gepackt, ehrlich. Aber ich konnte nicht“, gewährt der Delinquent Einblick in sein Seelenleben. Der kleine Sohn, die Freundin. „Also sind wir abgehauen, waren mal hier, mal dort. Immer bei Freunden oder Bekannten.“ Bis ihn die Polizisten schließlich schnappten, als sie gerade mal wieder in der Wohnung der Freundin lebten. Fünf Wochen später. Es gibt bessere Starts im Gefängnis.

Jedenfalls will der junge Mann nach der Entlassung nicht wieder zurück. „Damals, nach dem ersten Mal, war ich mir sicher, wieder im Knast zu landen. Ich hatte keinen Bock, mich zu ändern.“ Jetzt sei das ganz anders, am liebsten würde er mit den Seinen, wenn er keine gesiebte Luft mehr atmet, woanders hinziehen. „Ganz weit weg, wo mich keiner kennt.“ Und nur weg von den alten Kumpels, von denen er sich verraten fühlt. Außer ihm würde keiner der anderen hier sitzen, er büße für die mit, klagt er selbstgerecht.

Wie er sich Heiligabend ablenken will von den schmerzenden Gedanken, weiß der junge Mann noch nicht. Kann sein, er sitzt eine Weile rum bei den anderen, dort, wo auch in seinem Hafthaus ein geschmückter Baum steht. Und hoffentlich darf über Weihnachten der Fernseher auf Zelle die ganze Nacht laufen ohne Zwangsabschaltung. Denn ohne die Bilder aus der Röhre entstehen wieder die Bilder im Kopf. Von Freiheit und Verlobter und Sohn. Und die tun weh.