:

Der Traumberuf: Klettern, bis der Arzt kommt

VonThomas BeigangTom Schulz aus Rockow blickt von Berufs wegen meistens auf andere hinab. Dabei ist der Mann aus der Höhe ein ganz bodenständiger Typ, auch ...

Tom Schulz will beruflich noch immer hoch hinaus. Der Mann aus Rockow steigt anderen aufs Dach und frisiert Bäume. [KT_CREDIT] FOTO: Thomas Beigang

VonThomas Beigang

Tom Schulz aus Rockow blickt von Berufs wegen meistens auf andere hinab. Dabei ist der Mann aus der Höhe ein ganz bodenständiger Typ, auch mit gebrochenen Rippen.

Rockow.Der jüngste Job klingt nicht so spannend: In Strasburg warteten 1500 Meter Fugen in vier Plattenbauten auf ihre Sanierung. Die alte Füllung raus kratzen, neue Füllung rein. Es gibt Jobs, die verheißen mehr Abwechslung.
Das gesteht selbst Tom Schulz, der Herr über die Strasburger Fugen. Zwei Monate lang hat der Einzelkämpfer über den Köpfen der Strasburger geschwebt und dafür gesorgt, dass alles wieder dicht bleibt. Tom Schulz ist Gewerbekletterer, so nennt er sich und seine Profession. „Ich übernehme alle Reparaturleistungen in der Höhe, wofür der Aufbau von Gerüsten viel zu aufwendig wäre.“ Ob an Kirchendächern, auf Bäumen oder an großen Neubaublöcken: Schulz seilt sich ab und bringt in Ordnung, was sich schadhaft zeigt.
Mit beiden Beinen auf der Erde steht Tom Schulz seit 17 Jahren in Rockow, wo sich der Mann ein altes Bauernhaus ausgebaut hat. Das meiste in Eigenregie, logisch. „In meinem Job darf ich natürlich, von der Kletterkunst mal ganz abgesehen, handwerklich nicht ungeschickt sein.“
Groß geworden ist der Kletterkünstler in Altentreptow, einer Gegend, die, ähnlich der Müritzregion, eher von platten Landstrichen denn von Bergen geprägt ist. Wie kommt so einer zur Kletterei? „Nach dem Landwirtschaftsstudium in Neubrandenburg“, so der 52-Jährige, „habe ich noch ein Anschluss-Studium in Meißen hingelegt, um mich Diplom-Agraringenieur nennen zu dürfen.“ Von dort unternahmen Schulz und zwei Kumpels dereinst eine Tour in die Sächsische Schweiz, „schnupperten“ bei Bergsteigern rein und waren sofort infiziert. „Diese Leidenschaft hat uns nicht mehr losgelassen“, schwärmt Schulz heute noch. Als „Dreier-Seilschaft“ machten sie fortan die Gipfel des sächsischen Mittelgebirges unsicher, zuungunsten mancher Vorlesung. „Auf der LPG in der Nähe Altentreptows, bei der ich nach dem Studium mit der Arbeit begann, wollte ich nicht bleiben. Meine Güte, was dort gesoffen wurde.“
Schulz machte aus dem Hobby Beruf und klettert und repariert und saniert seitdem als Selbstständiger in luftiger Höhe. Jetzt, mit 52, muss er allerdings mehr auf seinen Körper hören als früher. „Klar bemerkt man die ersten Zipperlein. Ich halte mich wärmer als früher und sage auch mal Nein zu manchen Aufträgen.“ Bei klirrendem Frost zum Beispiel hohe Bäume ausästen oder Wipfel beschneiden, nein Danke. Den schwersten Arbeitsunfall hat sich Schulz auch im Baum zugefügt. „Ich bin abgerutscht, eigentlich nichts Schlimmes, denn ich bin ja gesichert. Aber beim Pendeln schlug ich gegen einen abgebrochenen Ast und brach mir ein paar Rippen. Die Saison war gelaufen.“ Seither lässt er sich regelmäßig von einer benachbarten Osteopathin unter die Fittiche nehmen. „Die zaubert meine Blockaden weg.“

Kontakt zum Autor
beigang@nordkurier.de