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Ein neuer Carport und Dildos für die Oma

VonThomas BeigangEine schreckliche Vorstellung: Die pausenlose Zusendung von Paketen, die in der Familie niemand bestellt hat. Für einige Warener wurde ...

VonThomas Beigang

Eine schreckliche Vorstellung: Die pausenlose Zusendung von Paketen, die in der Familie niemand bestellt hat. Für einige Warener wurde dieses zur fürchterlichen Realität.

Waren.Der Angeklagte schweigt und will nichts zu den Vorwürfen sagen. Sein gutes Recht. Niemand muss sich vor Gericht rechtfertigen und zur Anklage Stellung nehmen. Nur – manchmal steigt bei der Aussagebereitschaft eines Angeklagten auch das Verständnis des Gerichts für die Beweggründe der Tat.
Sven G. jedenfalls hält den Mund. Ob dies sein eigener Entschluss ist oder ob ihm sein Pflichtverteidiger dazu geraten hat, sehr klug erscheint der Schachzug nicht. Denn das, was dem 31-Jährigen vorgeworfen wird, überschreitet das logische Vorstellungsvermögen. Fast eine halbe Stunde dauert die Verlesung der Anklage durch den Staatsanwalt, mehr als 50 verschiedene Vorwürfe macht der dem Mann. Grob lassen die Punkte in drei Abteilungen gliedern: Nachstellungen, Beleidigungen, falsche Verdächtigungen.
Dutzende Male soll der Warener, inzwischen nach Neubrandenburg verzogen, im Jahr 2011 für eine Familie aus der alten Nachbarschaft Sachen bestellt haben, die von der nie geordert wurden. Zeitschriften-Abos oder große Blumensträuße waren da noch die harmlose Variante. Richtig brenzlig wurde es, als eines Tages Monteure mit den Einzelteilen für einen Carport auf der Matte standen und fragten, wo sie den denn aufbauen sollen. TV-Geräte folgten, eines größer als das andere und, besonders makaber, Sex-Spielzeug für ganz viel Geld, das auch die betagte Mutter der Nachbarin erreichte. Alle Bestellungen per E-Mail, mit Adressen, die an die Namen der Familienmitglieder erinnern.
Die Frau der heimgesuchten Familie gesteht vor Gericht, seinerzeit kaum noch geschlafen zu haben. „Wir hatten nur noch Angst vor dem nächsten Tag.“ Denn mit der Ablehnung der riesigen Paket-Fluten war das nicht getan. „Jeden Abend, wenn mein Mann von der Spätschicht kam, musste er Schriftkriege führen und alles stornieren.“ Noch heute würden manchmal Mahnungen ins Haus flattern.
Doch damit immer nicht genug. Im gleichen Zeitraum gingen bei der Internetwache der Polizei Anzeigen ein, welche die Nachbarsfamilie des Drogenhandels beschuldigten. Im Namen einer heute 18-Jährigen sogar eine Anzeige wegen sexueller Nötigung, der längst erwachsene Sohn der Nachbarn soll sie befummelt haben. Nie habe sie so eine Anzeige geschrieben, sagt die vor Gericht.
Der Verdacht für all die Taten fällt auf jenen Nachbarn, der nach seinem Einzug engen Kontakt zum Sohn der Familie suchte. Zum Anfang sei das ja ganz nett gewesen, sagte der Sohn in einem früheren Prozess, in dem es um Verleumdung ging, hier mal ein Bier, dort mal ein Schwätzchen. „Aber der wollte unbedingt mein Freund sein, das wollte ich aber nicht.“ So sei das Theater losgegangen. „Der klingelte und klopfte immer bei mir, wollte unbedingt Kontakt. Der ging mir auf den Keks.“ Als die Polizei seinerzeit den Computer des verdächtigen Sven G. beschlagnahmt und durchforstet, erhärtet sich der Verdacht: Alle E-Mail-Adressen, unter denen angezeigt und bestellt worden ist, haben dort ihren Ursprung. Ein Mann vom Landeskriminalamt bestätigt das vor Gericht.
Jetzt wird es brenzlig für den Angeklagten. Der beantragt, einen Zeugen anzuhören, der aussagen soll, dass er zum Zeitpunkt der Taten keinen Computer besaß. Nächsten Dienstag soll der an der Reihe sein, entscheidet Richter Michael Kasberg.

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