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Ewiger Hader, Zank und Streit: Sohn schlägt demenzkranke Mutter

VonThomasBeigangDie längst erwachsenen Geschwister sind hoffnungslos zerstritten und darunter muss eine fast 82-jährige Mutter am meisten leiden. Die will ...

VonThomasBeigang

Die längst erwachsenen Geschwister sind hoffnungslos zerstritten und darunter muss eine fast 82-jährige Mutter am meisten leiden. Die will jetzt nur, dass ihr Sohn endlich auszieht.

Waren.In der allerletzten Sekunde hat der Vorsitzende Richter Michael Kasberg sein Urteil noch einmal geändert und eine doppelt so hohe Strafe verhängt. „Jetzt gerade, während ihrer Abschlussworte“, sagt er und der Angeklagte guckt bedröppelt. „Sie haben nicht ein einziges Wort der Reue gefunden und wohl gar nichts verstanden. Sie sind uneinsichtig und geben immer anderen die Schuld.“
Das sitzt: Der 51-jährige Mann auf der Anklagebank senkt den Kopf, packt seine Siebensachen zusammen und rückt ab. 390 Euro muss er jetzt rausrücken, 195 wären es bei einsichtigerem Verhalten gewesen. Genau diese Geldstrafe hatte Staatsanwältin Sylvia Dinse gefordert. Für eine Tat, die auch in dem schon an vieles gewöhnten Warener Amtsgericht nicht jeden Tag verhandelt wird: Sohn vergreift sich an demenzkranker Mutter, schlägt ihr auf die Hand, bis ein Finger anschwillt und beschimpft sie auf ganz unflätige Art und Weise. Nicht nur moralisch absolut verwerflich, sondern, weil vorsätzliche Körperverletzung vorliegt, ein Fall auch für die Justiz.
In seiner Version der Geschichte fängt der Malchower Dauergast im „Hotel Mama“ – der Mann in den besten Jahren lebt noch immer mit der Mutter unter einem Dach – gleich an, sich zu bemitleiden. Immer wieder vermisse seine Mutter ihr Fahrrad, andauernd lasse sie das in der Innenstadt stehen und er müsse dies dann immer abholen. Das reiche ihm langsam. Und dann noch Ungeheuerlicheres: Sie, die Mutter, klopfe ihm doch immer auf den Hinterkopf und dabei sage er ihr ein ums andere Mal, sie solle das lassen. Denn immerhin habe er vor vier Jahren einen Schädelbruch erlitten, er sei da empfindlich, niemand dürfe da klopfen. Aber sie höre eben nicht auf ihn. Nie.
Die Mutter ist fast 82 und leidet unter Altersdemenz. Ihre gerichtlich bestellte Betreuerin sagt vor Gericht, die alte Dame wünsche sich nichts sehnlicher, als das ihr Sohn endlich, endlich ausziehe.
„Jeden Tag schauen Mitarbeiterinnen der Diakonie bei ihr vorbei und die täglichen kleinen Dinge schafft sie durchaus noch allein“, so die Einschätzung der Fachfrau. Und außerdem wären da ja auch noch die anderen leiblichen Kinder. An seinen Geschwistern lässt der undankbare Sohn kein gutes Haar. Die wären nur auf das Geld der alten Dame scharf, sonst würden die sich überhaupt nicht kümmern, alles bleibe immer an ihm hängen, sogar Schnee schieben musste er. Sonst mache das ja keiner, lamentiert er weiter. Aber er habe genug von alledem, jetzt seien die anderen an der Reihe und er beziehe eine eigene kleine Wohnung. „Die ganze Anklage ist nur auf dem Mist meiner Schwester gewachsen, die will, dass ich im Knast lande, damit sie freie Bahn bei Mutter hat.“
Die Mutter, von Kasberg ganz vorsichtig und mit Feingefühl befragt, bestätigt den Schlag auf die Hand. Auch die Fotos der Polizei, noch am gleichen Abend der Missetat aufgenommen, überzeugen das Gericht. „Das hat Ihre kranke Mutter nicht verdient“, wettert Richter Kasberg, „so eine Behandlung von Ihnen.“ Der Angeklagte hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. „Immer bin ich der Buhmann“, schimpft er in seinem ihm zustehenden letzten Wort. Das bringt den Richter auf die Palme, der das Strafmaß gleich verdoppelt.
Selber schuld.

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