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Gelage, Geraufe, Gedächtnisschwund

Zu viel Alkohol intus. Die Fäuste locker in der Tasche und peng, zerspringt ein Bierkrug. Fließt Blut. Doch vor Gericht kann sich niemand so recht und schon gar nicht einheitlich an die blutige Nacht in Waren erinnern.

Wer wen übel in der Kneipe zugerichtet hat, darüber herrscht ziemliche Verwirrung in dem Fall. Und dann ist da noch dieser große dunkle Unbekannte...
Montage: Thomaa Bachmann Wer wen übel in der Kneipe zugerichtet hat, darüber herrscht ziemliche Verwirrung in dem Fall. Und dann ist da noch dieser große dunkle Unbekannte...

Dass maskuline Selbstbehauptung vorm Kadi enden kann, das erfuhr am Montag Mario D. aus Waren. Der Herrentag des vergangenen Jahres war es, mit dem sich Richter Manfred Thimontz und die Staatsanwaltschaft beschäftigen mussten. Nun hatte der 32-jährige Angeklagte nichts anderes gemacht, als etliche echte Kerls in unseren Breiten: Er haute sich an jenem 29. Mai den Bauch mit Bier voll und Kumpeln mit der Pranke brüderlich auf die Schulter. Wenigstens am Herrentag wollten sie mal raus aus dem Alltagstrott von Maloche, Mutti und Männerstress.

"Da war ein großer dunkler unbekannter Mann"

Doch es kam anders. Nach einem planmäßigen Start bei Freunden im Garten und den ersten Bierchen zum Warmwerden zog es Mario D. und seine Freunde nach Waren in den Stadthafen. An die Bar. Es muss schon 18 Uhr gewesen sein, als sich die Truppe dem ritualisierten Mackertum und ein paar weiteren Bierchen und dann ein paar "Kurzen" hingeben wollten. Mario D. wollte Richter Manfred Thimontz gern erzählen, woran er sich erinnern konnte. Also nicht viel. Denn zu viel Bier - er würde auch äußerst selten trinken und deshalb voll wenig vertragen - und auch ein Schlag gegen den Kopf hatten dem Gedächtnis des Angeklagten arge Ladehemmungen beschert. "Ich kann mich an fast nichts erinnern", sagte er. Es hätte Streit gegeben, "da war ein großer dunkler unbekannter Mann". Es flog eine Faust und Mario D. sei am Kopf getroffen worden. Schürfwunden und überall Blut auf der Jacke.

Das, wofür der Stahlbau-Mechaniker, der seit Jahren in Lohn und Brot steht und als bis dato juristisch unbescholten gilt, eigentlich vor Gericht stand, ließ sich überhaupt nicht in Zusammenhang bringen. Zeugen sollten dem Vater eines Kleinkindes den Black-out aus der Herrentagsnacht wieder in farbige Bilder verwandeln. Aber daraus wurde nichts.

Bierhumpen gegen den Tresen und dann ins Gesicht?

Selbst der mit dem Angeklagten befreundete Maik H. wusste zwar viel, aber es hörte sich anders an als das wenige, was sein Kumpel Mario D. dem Richter und der Staatsanwaltschaft zu erzählen hatte. Matt und weich gezeichnet wie ein altes Foto, Verstrickungen, Verwirrungen und immer noch keinen Schuldigen für die Tat an Nico P. Denn den soll der Angeklagte in jener Nacht mächtig zugerichtet haben. Den Bierhumpen gegen den Tresen geknallt und mit dem Henkel in der Hand ins Gesicht: Nico P. sei blutend in die Arme des Mario D. gefallen. Krankenhaus. Narbe. Kopfweh. Doch in diesem Punkt ist der Kopf von Mario D. so leer wie all die Biergläser des Herrentages.

Weitere Zeugen berichten, dass Mario D. "ganz schön betrunken" war, allerdings nicht so sehr, dass nicht mehr zusammenflickbare Laute aus ihm gequollen seien. Auch den aufrechten Gang habe er noch drauf gehabt. Freund Maik P. habe ihm bei dem Streit in der Bar helfen wollen und sei dabei selbst angegriffen worden. Wieder wurde der große dunkle Unbekannte ins Feld geführt. Mario D. und sein Kumpel hatten nach eigenem Bekunden nach dem blutigen Gelage rasch die Bar verlassen. Zwei Kellner seien ihnen aber nach, um sie aufzuhalten. Die Polizei sei im Anmarsch. So wollten warten. Doch nichts da. Das Kumpel-Duo verschwand. Und Mario D.'s Erinnerung ist es bis heute.

Keine Erinnerung, wenig Erinnerung, wenig Handfestes

Da waren sie dann - die drei Probleme des Richters. Gedächtnisschwund des Angeklagten, Zeugen mit unterschiedlicher Wahrnehmung, und von den fünf geladenen Zeugen fehlten zwei von Bedeutung.

Das juristische Ende der erinnerungsfreien Heimkehr des Versehrten aus der Alltagsflucht ist noch offen. Richter Manfred Thimontz möchte die fehlenden Zeugen unbedingt hören, um sich ein gerechtes Urteil erlauben zu können. Ergo: Neuer Auftritt für Mario D. vorm Warener Amtsgericht am 5. März. Wer weiß, vielleicht klappt's dann ja mit der Erinnerung.