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Geschichten aus der Lebens-Mühle

VonSilke VoßEine junge Ärztin will dem Ethos ihres Berufs entsprechen und Landärztin werden. Steine wurden ihr in den Weg gelegt, jetzt endlich darf sie ...

Stefanie Schulze packt selbst an. Sie renoviert die Wassermühle, um dort eine Allgemein-Praxis einzurichten. Hier ist sie als Land-Ärztin näher am Menschen. „Ich kann die marktwirtschaftlichen Zwänge in der Stadt nicht mit meinem Berufsethos vereinbaren“, sagt sie.   Fotos. Silke Voß

VonSilke Voß

Eine junge Ärztin will dem Ethos ihres Berufs entsprechen und Landärztin werden. Steine wurden ihr in den Weg gelegt, jetzt endlich darf sie nicht nur auf ihre Träume bauen.

Schwastorf.In den gütigen Augen von Elisabeth Grintsch, die 80 Jahre geschaut haben, spiegelt sich große Sehnsucht – nach dem klaren Mühlenteich, der jetzt ein Erlbruch geworden ist und nach würziger Gartenerde zwischen ihren arbeitsamen Händen. Und es spiegeln sich darin die Erinnerungen an das gemeinsame Leben mit ihrem jüngst verstorbenen Mann, das sie mit ihm noch vor einem Jahr an diesem idyllischen Fleckchen Erde, der Wasermühle bei Schwastorf, lange lebte.
Wasermühle heißt die Wassermühle tatsächlich, denn einer ihrer Besitzer nannte sich „Wasermann“, stellt Elisabeth Grintsch gleich eventuelle Irrtümer richtig. Wie kommt es, dass die alte Frau so spät noch ihre Wurzeln herausreißen und eine kleine Neubauwohnung in Groß Dratow beziehen wollte?
„Meine Schwiegereltern kamen aus Ostpreußen – mit den Pferden, mit denen wir später in der Mühle wirtschafteten“, erzählt sie, hausgeschlachtete Schwastorfer Leberwurst anbietend. „Sie kauften das Anwesen 1954 mit viel Grünland, um eine kleine Landwirtschaft aufzubauen.“ Doch der sozialistische Frühling habe ihnen alles genommen, auch die liebgewonnenen ostpreußischen Pferde, und nur eine Kuh gelassen. „Schwiegervater bettelte noch, ihm wenigstens die hochtragende Stute solange zu lassen, bis sie abgefohlt hat, doch nein. Im großen LPG-Stall wurde das Frischgeborene totgetrampelt.“
Trotzdem, die Arbeit im Garten war wunderbar wie dieses Fleckchen Erde, hinter dem die Ostpeene entspringt. Sie führt munter immer Wasser, auch bei größter Trockenheit, führt es weiter über Plasten, Waren, Torgelow, lebenslustiger werdend bis Malchin und stolz schwellend in die Peene, wo sie sich mit Ostseewasser vereint. Linden, Raps und Kornblumen nährten die Bienen kleiner Völker von privaten Züchtern, die dieses fruchtbare Land für ihre summenden Zöglinge auserkoren. Reichlich Tracht gaben die Bienen zum Dank. Lebensspendend wirkte der Ort zudem nach 1945, als ein Danziger Bäcker hier einen Backofen installierte, nachdem die Wassermühle ihren eigentlichen Betrieb eingestellt hatte. Die Neusiedler konnten noch nicht ernten und hatten, weil Höfe erhalten, keine Lebensmittelkarten mehr. Und so kamen sie, zu Fuß, kilometerweit von Kargow, Schloen oder Plasten bis Schwastorf, die lebensrettende Nahrung zu holen. „So wurde die Gegend auf Treu und Glauben versorgt“.
Erdbeeren, Bohnen, Zwiebeln, all das gab der Wasermühlengarten, viel davon verschenkte Elisabeth Grintsch. Mit dem Alter aber ließen die Kräfte nach. „Mein Mann wollte umziehen, dass ich weniger arbeite, doch ich wollte nicht, dass er noch den Hof verlassen muss und sagte: Solange ich kann, bleiben wir. Da bat mich mein Mann zu verkaufen, wenn er nicht mehr ist“, erzählt die Frau.
Das tat sie, schweren Herzens. Sie verkaufte an eine junge Ärztin. Denn wo der nächste Arzt erst wieder in Waren zu finden und viele immobile ältere Land-Leute aber auf ihn angewiesen sind, sind Dorfmediziner dringend vonnöten. Für diese allgemein bekannte Krankheit namens Landarztmangel aber hatte man in hiesigen Amtsstuben offensichtlich weniger Verständnis. Als sich Stefanie Schulze, so heißt die junge Ärztin, nach einem „halbwegs bezahlbaren Domizil in schöner Gegend“ umschaute, fand sie die Wasermühle. Genau das Richtige für die optimistische Assistenzärztin, die die marktwirtschaftlichen Zwänge in ihrem Beruf, die vor allem in der Stadt spürbar seien, nicht mit ihrem Ethos vereinbaren kann. „Da bin ich fehl am Platz, weil weit weg vom Menschen. Und ich möchte hinter meiner Arbeit stehen können“, weiß die junge, zupackende Frau. Hier jedoch musste sie ein dreiviertel Jahr bangen um ihren Traum. Denn so lange wartete sie auf die Baugenehmigung, nur die Scheune zur Allgemein-Praxis umzuwandeln. Auf eine Erweiterung, etwa noch zu einer Physiotherapie, darf sie indes nicht mehr hoffen. „Und ich dachte, Landärzte werden händeringend gebraucht!“ Wenigstens habe sich der ehemalige Bürgermeister sehr für sie eingesetzt.
Jetzt steht sie ihre Frau auf dem Bau und muss kräftig in die Hände spucken, denn die kassenärztliche Vereinigung wiederum war zu schnell und die Zulassung ist bereits zum Herbst da... Ein Abenteuer, doch ihr Mut dürfte belohnt werden: Von Menschen wie Elisabeth Grintsch, die sich nicht nur einen Arzt, sondern auch jemanden wünschen, der ihnen zuhört, wenn die Enkel fern sind. Für die sie reizende Pullover mit Hirschmuster strickt. Denn das Schenken kann sie nicht lassen.

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s.voss@nordkurier.de