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Punk in der Provinz: Hier trifft Mode auf Musik

VonJörg DöbereinerIn der mecklenburgischen Provinz haben sich eine nähfreudige Designerin und ein musikalisches Allround-Talent gefunden. Was bei einer ...

Bei schönem Wetter präsentieren André Günther-Schellheimer und Bettina Aderhold ihre Kunst auf dem Hof. Bei schlechtem kommt der neu eingerichtete Proberaum zum Einsatz.  FOTO: Döbereiner

VonJörg Döbereiner

In der mecklenburgischen Provinz haben sich eine nähfreudige Designerin und ein musikalisches Allround-Talent gefunden. Was bei einer solchen Kombination herauskommt? Kunst:Offen zeigt es!

Panschenhagen.Idyllisch liegt das rote Backsteinhaus neben dem Weiher mitten in Panschenhagen. Auf dem Vorhof schleichen zwei Katzen um einen Kirschbaum, daneben blüht ein knallgelber Ginsterstrauch. Sollten hier zwei Künstler wohnen, die sich dem Punk verschrieben haben? Sechs Stufen sind es zur Haustür hinauf. „Bettina Aderhold“ steht in kunstvoller Schrift auf dem Türschild aus Messing. Eine Frau mit fröhlichen braunen Augen und kurzen roten Haaren öffnet die Tür: „Kommen Sie rein!“
Im Koch- und Esszimmer spielt Musik, eine Mischung aus Rock, Punk und Folk. Auf einem schwarzen Klavier liegen etwa 20 Schallplatten, CDs und Kassetten. Die gesammelten Musik-Projekte von Bettina Aderhold und André Günther-Schellheimer, der eben ins Zimmer tritt: schlank, mit schwarzer Brille und halblangen Haaren. Eine Tasse Tee und schon entspinnt sich ein Gespräch über Punkmusik in Zeiten von Mauer und Mosaik-Heftchen.
„Mit Ostrock hatte ich nichts am Hut“, blickt André Günther-Schellheimer auf seine Ost-Berliner Jugend in den späten 1970er-Jahren zurück. Er hörte lieber Beatles. Mit diversen Punkbands, dem Musikprojekt „Kampanella is
Dead“ und als DJ schrieb der heute 49-Jährige selbst an der musikalischen Untergrund-Geschichte der späten DDR mit. Davon zeugen unter anderem Sampler, auf denen seine Band gemeinsam mit den Rammstein-Vorgängern „Feeling B“ zu hören ist.
In die mecklenburgische Provinz verschlug es André Günther-Schellheimer, als er im „Speicher Nr. 1“ in Waren auflegte. Soul, Funk, Punk, „alles, was mir gefiel“. So traf er Bettina Aderhold, die seit den 1980er-Jahren in Panschenhagen malt und designt. In der umgebauten Gutsscheune näht die gelernte Theaterschneiderin neue T-Shirts an alte Röcke oder Männerkrawatten auf Damenkleider. Als „Recycle-Mode“ bezeichnet sie ihren konsumkritischen Ansatz, alte Stoffe in neue, modische Kleidung zu verwandeln.
„Punk heißt für uns, sich von den Normen weg zu begeben. Es ist der Hang zum Experiment“, sagt André Günther-Schellheimer. Seine Musik ist wie Bettina Aderholds Mode nicht für den großen Markt gemacht. Massenkonsum lehnen die beiden ab, auch den medialen durch das Fernsehen. „Bei uns gibt‘s dafür öfter einen Spieleabend“, sagt Bettina Aderhold. Mit von der Partie: die zwölf und zehn Jahre alten Jungs Vincent und David.
Seitdem André Günther-Schellheimer und Bettina Aderhold zusammenleben, gestalten sie gemeinsam Hörbücher oder andere musikalisch-literarische Projekte. Er spielt, sie liest – so wird es auch zu Pfingsten bei Kunst: Offen sein, wenn zu den Wild-West-Abenteuern der Digedags das Banjo erklingt. Zwischendurch haben die Besucher Zeit, um einen Blick in die Design-Werkstatt zu werfen oder einigen selbstkomponierten Stücken zu lauschen.

Kunst:Offen: Von-Hahn- Allee 12, Panschenhagen, 18.-20. Mai, 10-18 Uhr.

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