Puppenspielerin Ute Kotte:

Puppenspiel wie ein Geschenk

Sie hat es geahnt. Als sie in der Garderobe saß und murmelte "Hoffentlich kommen nicht so viele Kleine".

Und als gerade in diesem Moment ein Weinen aus der Toilette nebenan zu vernehmen war, unverkennbar von einem sehr kleinen Kind.

Und jetzt, mitten in der Vorstellung, ist das Befürchtete eingetreten. Als sich Puppenspielerin Ute Kotte den Morgenrock über den Kopf wirft und die Maske von Rumpelstilzchen auf dem Innenfutter erscheint, genau dort, wo sich hinter dem Stoff ihr eigenes Gesicht versteckt. Klein ist die Maske, nicht viel größer als ein Handteller, und das Rumpelstilzchen wirkt sogar ein wenig komisch, wie es Zeige- und Mittelfinger beider Hände albern zum "Victory"-Zeichen spreizt. Und dennoch - oder gerade deshalb - sehr furchteinflößend.

Als Rumpelstilzchen auf das Angebot der schönen Müllerstochter, für die es Stroh zu Gold spinnen soll, krächzt "Einen Ring? Hast du nichts Lebendiges?" ertönt aus dem Publikum ein Geheule, dagegen war das Weinen aus dem Klo vor der Vorstellung gar nichts. Schnell erhebt sich eine Frau und verlässt mit einem vielleicht zwei Jahre alten Mädchen die Probebühne des Neubrandenburger Schauspielhauses.

"Das Publikum wird immer jünger", sagt Ute Kotte. Ab vier oder fünf Jahren ist das Märchen "Rumpelstilzchen" eigentlich gedacht, aber viele Eltern denken, es sei auch für die ganz jungen Kinder geeignet. Schon Eltern von Sechsjährigen sagen zu ihr: "Für den ist das nichts mehr." Dabei können auch Zehnjährige noch kommen, findet Ute Kotte. Die ganz Kleinen dagegen, die "kriegen das noch nicht so mit, wenn man in eine Rolle springt", weiß sie.

Und im "Rumpelstilzchen" wechselt Ute Kotte eine Stunde lang immer wieder die Rolle. Eine Mütze aufgesetzt: der Müller. Einen Strohhut: seine Tochter. Eine Rolle aus goldenem Stoff: der König. Mit der im Mantel versteckten Maske: das Rumpelstilzchen. Mit der kleinen Brille wird Ute Kotte zur Erzählerin, der Schneiderin Anneliese Singer - sie schlüpft dann in ihre Lieblingsrolle. "Die ist mir auf die Haut gewachsen", bekennt die Puppenspielerin und man merkt ihrem Spiel an, wie viel Freude sie daran hat. An der Anneliese, aber auch daran, den ganz verschiedenen Rollen einen eigenen unverkennbaren Charakter zu verleihen.

Das war nicht immer so, meint Ute Kotte. Obwohl sie schon immer "ein Geschichtenerzähler" gewesen sei und im Freundeskreis Stimmen imitiert habe, habe sie als Schauspielerin einen langen Weg gebraucht. "Um Gottes Willen, war ich verklemmt", sagt die gebürtige Berlinerin lachend. Die Zeit als Puppenspielerin im Kammertheater Neubrandenburg, wo sie vor zwanzig Jahren ihr erstes Engament hatte und zehn Jahre lang auf der Bühne stand, hat sie auf diesem Weg als nicht gerade hilfreich in Erinnerung. "Dort wurde mir das Selbstbewusstsein ausgeredet", sagt sie.

Als sie 1994 mit Beate Biermann die "Geschichte vom kleinen Mann im Bauch" auf dem Puppentheaterfestival "Synergura" in Erfurt gespielt habe, hieß es zum Beispiel "Fahrt da mal nicht hin, die machen euch runter". Zurück kamen die beiden Puppenspielerinnen mit dem ersten Preis. Beim Kammertheater aufzuhören sei für sie deshalb "wie eine Befreiung" gewesen.

Dann kam der Anruf der Freundin aus Wismar: "Ich habe gehört, du bist arbeitslos? Ich auch. Wollen wir nicht zusammen ein Stück machen?" Aus dem Vorschlag wurde das Rumpelstilzchen, die erste einer inzwischen zweistelligen Liste eigener Inszenierungen. Darüber hinaus hat sich Ute Kotte auch mit Regiearbeit einen Namen gemacht oder wird als freischaffende Schauspielerin gebucht. Inzwischen habe sie großen Spaß daran, die Gesetze des Theaters zu beherrschen, sagt die 46-jährige Künstlerin. "Klingt das jetzt arrogant?", fügt sie sogleich zweifelnd hinzu und ergänzt: "Mir war das früher gar nicht klar, dass ich als Schauspieler so agieren kann! Zu merken: Die machen mit! Man kann das Publikum führen. Es ist wie schenken, ich schenke auch so gerne!"

Die Rumpelstilzchen-Zuschauer in Neubrandenburg jedenfalls führt sie mit festem Griff, und sie lassen sich gerne von Geschichte und Schauspielerin (ver)führen und beschenken. Zum Schluss, als Ute Kotte schon wieder das Stroh und die daraus gesponnenen glitzernden Gold- Knöpfe von der Bühne sammelt, kommt eine Zuschauerin zu ihr und sagt: "Vielen Dank, das war wieder sehr schön."

Lange hat Ute Kotte danach nicht Zeit, sich zu entspannen und sich über das Kompliment zu freuen. Denn nach der Rumpelstilzchen-Vorstellung am Nachmittag steht noch eine "Zarah Leander"-Aufführung an. Die Requisiten der Nachmittags-Vorstellung räumt sie mit Hilfe des Technikers ins Auto ihres Mannes: Nähmaschine, Tisch, Stuhl, Lampe, zwei Koffer. Ihr eigenes Auto braucht sie, um gleich nach der Abend-Vorstellung nach Frankfurt/Oder zu fahren. Dort steht am nächsten Morgen der "Angsthase Leopold" auf dem Programm.

"Ganz schön knülle" sei sie nach solchen Wochenenden, gesteht Ute Kotte. Die Flautenzeiten als Freischaffende seien aber ebenso schlimm. Seit September habe sie deshalb wieder ein festes Engagement in Frankfurt/Oder beim "Theater des Lachens". Das bringt ein regelmäßigeres Einkommen, allerdings nicht weniger Termine. Denn dass sie ihr eigenes Theater "Maskotte" weiter betreiben kann, das hat sie bei ihrer Zusage dort zur Bedingung gemacht.

Ute Kottes Theater "Maskotte" wurde am 12. Januar 1998

gegründet. Die Künstlerin erlernte den Beruf des Schlossers und absolvierte ein Studium zur Ingenieur-Pädagogin, bevor sie sich an der Hochschule für Schauspielkunst zur Puppenspielerin ausbilden ließ. Zu erleben ist Ute Kotte von Montag, den 10. Dezember, bis Sonnabend, den 15. Dezember, im Schauspielhaus Neubrandenburg mit "Die Kuh Rosemarie"(in der Woche jeweils 10 Uhr, Sonnabend 15 Uhr), dann am Montag, den 17. Dezember, um 10 Uhr im Multikulturellen Zentrum Templin mit "Ladislaus und Annabella". Im "Theater des Lachens" in Frankfurt/Oder zeigt sie am Donnerstag, den 20. Dezember, um 20 Uhr das Stück "Schöner leiden - eine Couch packt aus".@!www.maskotte.de

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