Junger Mann nach Prügel traumatisiert:

Rechte Gewalt - ein Opfer bricht sein Schweigen

Jene zu verachten, die anders sind, das zeugt von kleinem Geist. Doch wenn die Borniertheit ihre Fäuste schwingt, dann wird‘s dramatisch. Ein junger Russe, der in Waren ein neues Leben beginnen wollte, bekam das auf brutale Weise zu spüren.

18 Jahre danach: Die Narben in Viktors Seele sind nicht verheilt – auch die physischen Folgen der Schläge sind dauerhaft.
Rainer Jensen 18 Jahre danach: Die Narben in Viktors Seele sind nicht verheilt – auch die physischen Folgen der Schläge sind dauerhaft.

Sein Stolz ist nicht gebrochen. Aber seine russische Seele hat eine große Narbe. Und die wird bleiben, da ist sich Viktor (Name v. d. Red. geändert) sicher. In seinen grauen Augen tritt Unruhe, wenn er an die Nacht denkt, die wenigen Minuten, die ihn fast umgebracht hätten. Viktor, den groß gewachsenen Kirgisen. Seine schlanken Hände scheinen mit dem Mund all die Worte zu formen und in den Raum zu entlassen, zu denen in seinem Kopf brutale quälende Bilder liegen. 15 Jahre brauchte es, bis Viktor sie nun laut zulässt, reden kann über Silvester 1997. „Wir waren gut drauf, freuten uns auf die Feier und zogen am Abend in die Stadt. Wir erzählten und hatten unsere Musik dabei, als uns ein paar Jungs anpöbelten, wir sollten verschwinden und unsere Musik ausmachen. Und wir seien Scheiß Ausländer“, erzählt er. Dann habe er nur noch Springerstiefel und Bomberjacken auf sich und seine Kumpel zukommen sehen und sich mit seinem Freund zum Gehen umgewandt. Bloß keinen Streit. Dann dieser Schmerz am Hinterkopf. Dunkelheit. Am Boden spürt er nichts von der beißenden Dezemberkälte, nur Blut-Geschmack, die unbarmherzigen Tritte und Schmerzen. Bis ihn die Bewusstlosigkeit erlöst.

Sorgenvolle Zeit für alle

Kieferbruch, doppelter Jochbeinbruch. Einen Monat kann Viktor durch die Wunde im Kiefer nur mit einem Trinkhalm im Krankenhaus flüssige Nahrung aufnehmen. Aber lebt. Sein Kopf: eine einzige Wunde. Wie zum Schutz greift er sich ins Gesicht, während er weiter redet, von den Sorgen, die seine Eltern hatten, als sie von der dramatischen Nacht gehört hatten. Einer Nacht in ein neues Jahr, das Zukunft bringen sollte in einem immer noch fremden Land. Erst einige Monate zuvor waren sie mit ihrem einzigen Sohn aus Mittelasien nach Waren gekommen. Es sollte schön sein hier, hatten sie ihm erzählt. Zwar nicht so warm – aber friedlich sei es. Mit genug Essen und vielleicht einer kleinen Arbeit. „Ich habe ihnen geglaubt“, sagt Viktor. Ja, es sei kälter hier, aber leider auch in menschlicher Hinsicht, hat er erfahren. „Aber ich wollte mit meinen Eltern mit, denn in der Heimat ging es nicht mehr. Aber ich habe nie verstanden, warum das so schwer ist, angenommen zu werden. Ich habe nichts getan. Ich habe eine Arbeit, ja. Aber ich nehme doch niemandem etwas weg.“

Bis jetzt keinen Cent Schmerzensgeld

Viktor zweifelt an sich. Wieder diese Unruhe im Blick, die sich auf die Hände überträgt. Vielleicht sei er doch Schuld an dem, was damals geschah. „Etwas Provokantes im Blick, keine Ahnung. Vielleicht stimmt was nicht mit mir“, grübelt er. Depressionen, Angst unter vielen Menschen und nachts allein unterwegs zu sein. Psychiatrische Behandlung. Das ganze traumatische Karussell fährt seit dem Überfall durch sein Leben. Mit einem kleinen Job versucht er durchzukommen. Will auch die Eltern nicht belasten. Wird Waren sein Zuhause werden können? „Manchmal denke ich, dass mir das in einer anderen Stadt wie Dresden oder Berlin nicht passiert wäre.

Die Täter gefasst. Es sollen Männer aus der Region gewesen sein. Sie kamen ins Gefängnis. Für ihn sollte es Schmerzensgeld geben. „Ich habe bis heute keinen Cent gesehen. Die Schläger waren arbeitslos. Konnten nicht zahlen. Ich hab nie was gesagt. Ich hasse sie nicht. Hass bringt doch auch nichts.“

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