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Stadt-Chef sorgt für Fortschritt

VonHiltraud FischerDurch 750 Jahre lenkten hochwohlgeborene und gewählte Oberhäupter die Geschicke der Stadt Penzlin. Besonders viele Spuren hat Hans-Max ...

Nach gelungener Übung trafen sich die Männer der Freiwilligen Feuerwehr Penzlin mit dem Bürgermeister Dr. Weichardt (4. v. r.) zu einem Umtrunk.  FOTO: WF

Von
Hiltraud Fischer

Durch 750 Jahre lenkten hochwohlgeborene und gewählte Oberhäupter die Geschicke der Stadt Penzlin. Besonders viele Spuren hat Hans-Max Weichardt hinterlassen. Unsere Autorin vom Arbeitskreis Stadt- geschichte stellt ihn vor.

Penzlin.Jede Entwicklung einer Stadt ist von einem tüchtigen Bürgermeister abhängig. Nachdem der rührige Rudolf Beyer 1919 seinen Ruhestand antrat, amtierte kurzzeitig ein Bürgermeister Lange in Penzlin, der allerdings keine nachweisbaren Spuren hinterlassen hat. Gestützt durch die bürgerlichen Parteien wurde 1922 Hans-Max Weichardt gewählt.
Vor seinem Amtsantritt war der 1877 in Altenburg geborene Weichardt als Rechtsanwalt und Notar in Oschatz tätig. Seine Anfangsjahre fielen in die Zeit der Weltwirtschaftskrise. In diesen Jahren war in Deutschland eine völlig neue politische Situation entstanden. Penzlin war, nicht erst seit den Protesten gegen den Kapp-Putsch, sozialdemokratisch geprägt. Sowohl bei der Wahl der Bürgervertretung 1918 als auch in der Landtagswahl 1919 erzielte die SPD dort beachtliche Mehrheiten.
Was hatte der Bürgermeister Weichardt in Penzlin erreicht? Nach dem großen Stadtbrand von 1916 wurden einige Häuser wieder aufgebaut. Die Stadt nutzte die Möglichkeit und baute in der Turmstraße (heute die Hausnummern 10 bis 12) die ersten Sozialwohnungen.
Die Entwicklung der Feuerwehr war nach vielen Bränden der vorhergehenden Jahre besonders wichtig. Um die teuren Schläuche zu pflegen, wurde ein Schlauchturm errichtet und 1927 eingeweiht. In seiner Festrede erinnerte Weichardt an den Traum seines Vorgängers von einer Wasserleitung und versprach, dies in die künftige Planung einzubeziehen. Er leitete die Vorbereitungen ein, und 1936 floss das erste Leitungswasser in Penzlin.
Ein besonderes Geschenk machten die Penzliner sich 1927/28 mit dem Bau der ersten städtischen Badeanstalt am See. In der Amtszeit von Weichardt wurde die Bebauung der Warener Chaussee geplant. 1934 konnten die ersten Häuser errichtet werden.
Durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten gab es gravierende Änderungen in der Penzliner Politik. 1933 erfolgte eine Neubildung der Stadtvertretung. Die SPD erhielt darin noch vier, die NSDAP fünf Sitze. Ein Platz ging zudem an den Vertreter der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot. Nach der ersten Sitzung dieser Stadtvertretung verzichteten alle Abgeordneten der SPD auf ihr Mandat. Weichardt war nie der NSDAP beigetreten. Seine Tage als Bürgermeister damit gezählt. Er nahm sich im April 1934 das Leben.
In der von der Stadtvertretung verfassten Todesanzeige heißt es: „…daß Weichardt, der seit 12 Jahren die Geschicke unserer Stadt leitete, plötzlich und unerwartet infolge seelischen Zusammenbruchs von uns geschieden ist.“ Er sei „reich mit Herzensgüte veranlagt gewesen und stets geneigt, jedem Volksgenossen zur Seite zu stehen.“ (Niederdeutscher Beobachter 15. April 1934) Dr. Weichardt kann als das erste Opfer des Nationalsozialismus in Penzlin bezeichnet werden. Sein Nachfolger war Otto Soltwedel, ein Polizeibeamter und landesweit hochrangiger Parteigenosse der NSDAP.

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