Eschen-Sterben:

Todkranke Bäume auf letzten Weg geschickt

Unweit der B 192 zwischen Sembzin und Sietow geht es gerade einem Wald an den Kragen. So massiv, das von dem bald nichts mehr zu sehen ist. Die Fällarbeiten bringen Anwohner und Augenzeugen auf die Palme.

Auf einem Acker nahe der B 192 bei Sembzin stapelt sich gerade frisch geschlagenes Holz aus dem benachbarten Wald.
Thomas Beigang Auf einem Acker nahe der B 192 bei Sembzin stapelt sich gerade frisch geschlagenes Holz aus dem benachbarten Wald.

Motorsägen kreischen, Äxte hämmern und Holz bricht. In einem rund acht Hektar großen Wäldchen bei Sembzin schwitzen Forstarbeiter, was das Zeug hält. Ein Baum nach dem anderen wird gefällt, entästet und in handliche Stücke für den Abtransport geschnitten. Grund genug für gehörige Aufregung.

Augenzeugen und Nachbarn melden sich beim Nordkurier und schimpfen. Frevel sei das, ein ganzer Wald wird abgeholzt und sei auf Jahrzehnte verloren. Und ob überhaupt die zuständigen Naturschutzbehörden informiert seien? Am Ende siege hier Gewinnstreben über Naturschutz, mutmaßen Anrufer.

Trauriger Waldbesitzer

Von wegen, wehrt sich der Waldbesitzer Carsten Schütze gegen den Vorwurf. Ihm selbst blute das Herz, dem einst so stolzen Baumbestand der Eschen an den Kragen gehen zu müssen. „Schuld an der ganzen Angelegenheit ist das Eschentriebsterben.“ Der Feind der Bäume heißt Falsches Weißes Stengelbecherchen, dessen zerstörerischen Kraft so groß ist, dass er den Bestand der Eschen weltweit gefährde. „Eine Heilung ist unmöglich, rechtzeitiges Fällen die einzige Möglichkeit, wenigstens noch etwas zu retten“, so Carsten Schütze.

Und von wegen Profit. „Das befallene Holz ist als wertvolles Sägeholz verloren, das kann man höchstens noch als Industrieholz an den Mann bringen“, so der Waldbesitzer. Der Erlös daraus reiche noch nicht einmal aus, um die vorgeschriebene Wiederaufforstung zu finanzieren. Ein Drama für Waldbesitzer und Förster gleichermaßen. Schütze plant, nach dem Tabula rasa hier unter anderem Stieleichen zu pflanzen. „Aber“, gibt der Waldbesitzer zu bedenken, „in den nächsten 30 Jahren kann hier kein Erlös erzielt werden“.

Der Pilz gibt dem Holz eine andere Farbe

Mit der Klage steht Schütze längst nicht allein. So musste auch der Revierförster in der Jabeler Gegend, Fred Zentner, den herben Verlust von Bäumen und Holz betrauern. Auf rund elf Hektar musste der Mann Eschen fällen und alles wieder aufforsten lassen. Schwer zu verkraften – so dessen Einschätzung. Denn eigentlich sei Eschenholz sehr wertvoll, es wird von der Möbelindustrie verwendet und immer für einen stolzen Preis. Aber der Krankheitserreger zerstört das Holz und wenn Waldbesitzer und Förster nicht rechtzeitig reagieren, kann das Holz gar nicht mehr verwendet werden, weil der Pilz nach und nach auch das ganze Holz verfärbt.

Erst im Jahr 2002 gab es erste Meldungen, dass Eschen von einer Krankheit befallen sein könnten. Knapp vier Jahre später hatte sich das Eschen-Sterben in Mecklenburg-Vorpommern schon ausgebreitet. Im Jahr 2008 war bereits ein Viertel der insgesamt rund 15 600 Hektar Eschen-Bestände im Land befallen, im Jahr 2010 schon fast die Hälfte. Und das Falsche Weiße Stengelbecherchen ist nicht aufzuhalten: im vergangenen Jahr hat es fast 70 Prozent aller Eschen-Flächen geschädigt. Seit 2008 mussten in Mecklenburg-Vorpommern rund 870 Hektar Eschenbestände gefällt werden.