Druck auf Zeugen verpufft:

Vater spielt zur Rettung des Sohnes Detektiv

Kein Pappenstiel, was da dem Junior vorgeworfen wird: räuberische Erpressung. Der Senior will deswegen alles tun, um den Spross zu retten. Und tut ihm damit alles andere als einen Gefallen.

Justitia lässt sich auch von wirren Angeklagten nicht verwirren.
Daniel Reinhardt Justitia lässt sich auch von wirren Angeklagten nicht verwirren.

Von wegen, Frauen reden viel. Ein böses Vorurteil. Denn der Zeuge, der auf Antrag des Verteidigers am Dienstag vor dem Amtsgericht in Waren aussagen soll, redet pausenlos. Aber er sagt nicht viel. Der Mann aus einem kleinen Dorf zwischen Waren und Penzlin strapaziert die Nerven des Gerichts. Dabei will er gar nichts Schlimmes. Nur seinem Sohn helfen. Dieser 23-Jährige muss sich dafür verantworten, in seiner Lehrwerkstatt einen Azubi-Kollegen bedroht und erpresst zu haben.

Laut Staatsanwaltschaft hat der junge Mann mit den kräftigen Schultern dem fünf Jahre jüngeren das Handy weggenommen und ihn anschließend, weil das mit dem Funktelefon nicht schnell genug ging, zu einer Zahlung von 500 Euro „vergattert“. Und ihm gleichzeitig Konsequenzen geschildert, wenn nicht pro Woche 50 Euro bei ihm abgeliefert werden.

Die lügen doch alle, so die Zusammenfassung des Erzeugers im Zeugenstand. Er selbst habe doch, beschreibt er dem Gericht wortreich, nach der Beschuldigtenvernehmung des Sohnes bei der Polizei das Opfer und alle sogenannten Zeugen aufgesucht und nachdrücklich mit ihnen gesprochen.

Rücknahme der Anzeige erzwungen

Ein Ergebnis der Intervention des um den Sohn besorgten Vaters: Das Opfer habe ihm einen Zettel unterschrieben, auf dem die Rücknahme der Anzeige schwarz auf weiß formuliert war. Und trotzdem muss der Filius jetzt vor dem Gericht stehen? Der Senior versteht die Welt nicht mehr.

Die Staatsanwältin gerade auch nicht. Ob sie das alles richtig versteht, will sie wissen. Der Vater hat, sie formuliert das jetzt mal mit ihren Worten, gerade ausgesagt, alle Beteiligten an dem Prozess beeinflusst zu haben? Und der Vorsitzende Richter Michael Kasberg, dessen Nervenkostüm dem allem noch eben standhält, macht dem Vater-Zeugen klar, dass so ein unterschriebenes Blatt Papier mit der Rücknahme der Anzeige eigentlich keinen Pfifferling wert ist. Denn eine Anklage wegen räuberischer Erpressung sei ein sogenannter Offizialdelikt, also eine Straftat, die die Staatsanwaltschaft von Amts wegen verfolgen muss – ohne Rücksicht darauf, ob das Opfer damit einverstanden ist oder nicht.

So richtig begreifen will dies der Ältere nicht. Er habe doch, sozusagen, dem Gericht nur helfen wollen, weil, wie gesagt, doch alle nur lügen würden. Nur deswegen war er, von gleicher kräftiger Statur wie der in der Freizeit Football spielende Sohn, bei den Lehrlingen in der Werkstatt und im Internat des Opfers.

SMS entlarvt den Täter

Das Handy jetzt. Der Angeklagte, ausgestattet mit einem ganz dünnen Nervenkostüm, das ihn bei Nachfragen immer wieder im Stich zu lassen droht, erzählt eine wirre Geschichte, die außer ihm niemand versteht. Denn das Handy, welches der Lehrlings-Kollege neu bei sich trug, soll große Ähnlichkeit mit dem besessen haben, welches er besaß, aber dummerweise verloren hat, dummerweise vor allem deshalb, weil dieses Telefon eigentlich seiner Kusine gehört, die ihm das geborgt hat. Und so weiter.

Und die räuberische Erpressung? Die 500 Euro Schutzgeld? Davon könne gar keine Rede sein, alles ausgedacht, purer Schwindel von Leuten, die ihm eins reinwürgen wollen. Richter Kasberg verliest eine SMS des Angeklagten an einen Kollegen, der ihm geholfen haben soll, die Drohkulisse aufzubauen. Dort ist die Rede von 500 Euro Schutzgeld und das man sich die doch prima teilen könne.

Die psychische Verfassung des Angeklagten leidet weiter. Vom Verteidiger beruhigt und nach einer Auszeit gibt er zu, dass von Geld die Rede gewesen sein könnte. Aber - nicht er, sondern der damalige Freund, der als Zeuge gerade nicht erschienen ist, habe das Geld gefordert. Jedoch das Opfer und ein Kollege, der damals zufällig alles mit angehört hat, sagen anderes aus.

Kasberg verurteilt den Mann, bislang ohne Vorstrafen, wegen der versuchten räuberischen Erpressung zu drei Monaten Freiheitsentzug auf Bewährung. Und der Vater schimpft weiter.

Das neue iPad Pro mit Nordkurier digital: Hier geht's zum Angebot!