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Von der Faszination heißer Eisen

VonThomas BeigangAuch in der Müritz-Region, wo es weder größere Städte noch Hochschulen gibt, ist die Zahl derer, die eine ganze Menge im Kopf haben, ...

Jürgen Eberlein am Brunnen mit der Schiffsschraube am Stadthafen in Waren. Der frühere Ingenieur im Propellerwerk vermisst im Ruhestand die Gießereiluft, gesteht er ein. [KT_CREDIT] FOTO: Thomas Beigang

VonThomas Beigang

Auch in der Müritz-Region, wo es weder größere Städte noch Hochschulen gibt, ist die Zahl derer, die eine ganze Menge im Kopf haben, nicht gerade gering. Heute: Jürgen Eberlein, Ingenieur.

Waren.Jürgen Eberlein hat sie gerade wieder genossen. Die Gießereiluft. Der ehemalige Geschäftsführer des Unternehmens Mecklenburger Metallguss in Waren, jener weitgerühmten „Propeller-Schmiede“, kommt ins Schwärmen. Jedesmal, wenn er zu Besuch bei den alten Kollegen in der Produktionshalle ist, zieht er sich den Geruch rein. „Das ist etwas ganz Besonderes“, unternimmt er den Versuch einer Erklärung, „Heiß und staubig und metallisch.“
Immerhin ist Eberlein schon mehr als Jahr „raus“ aus der Firma und eigentlich in Rente. An den „Ruhestand“ ist dennoch kaum zu denken. Der 66-Jährige schreibt gerade an der Chronik der langen Geschichte des Werkes und bereitet dessen Teilnahme am Festumzug zum 750. Geburtstag Warens vor. Und manchmal, aber ganz vorsichtig, vermag der Ingenieur den ehemaligen Kollegen auch noch einen Tipp zu geben. „Aber nur, wenn sie fragen.“
Denn Jürgen Eberlein, der als Student schon 1969 zum Praktikum in das Propellerwerk nach Waren kam und dem Unternehmen seitdem die Treue hielt, ist ein Fachmann. Der Absolvent der Bergakademie in Freiberg, diplomierter Gießerei-Ingenieur, kann immerhin auf rund 30 angemeldete Patente verweisen. „Alles Entwicklungen aus dem Team.“ Bescheiden ist er auch noch.
„Die Situation in der DDR, wo Material stets knapp war, hat zur Kreativität gezwungen“, urteilt der Warener. 1987 wurde Jürgen Eberlein gar als „Verdienter Erfinder“ vom Kombinatsdirektor in Rostock ausgezeichnet. „Wir konnten schon was“, sagt er jetzt selbstbewusst. Und das Können der Fachleute im Werk schon zu DDR-Zeiten bezeichnet Eberlein als die Grundlage für den Erfolg, den der Weltmarktführer in Sachen großer Schiffsschrauben heute sein eigen nennen kann. Immerhin – so große Propeller, bis weit über 100 Tonnen schwer, vermag sonst niemand herzustellen. „Unsere Ausrüstung“, schwärmt der Ingenieur, „entspricht absolutem Weltniveau“.
Noch heute staunt Jürgen Eberlein selbst darüber, wie es ihnen beispielsweise im Jahr 2000 binnen eines halben Jahres gelang, die Gießerei so zu vergrößern, dass eine Schiffsschraube mit einem Durchmesser von zehneinhalb Metern produziert werden konnte.
Der Fachmann weiß zu begeistern, weil er noch immer für sein „Handwerk“ schwärmt. „Vor dem Studium habe ich in einem Feinwalzwerk im Erzgebirge Former gelernt. Das rot glühende, flüssige Eisen hat mich von jeher fasziniert.“ Von daher stammen wohl auch Eberleins ständige enge Kontakte zu denen, die „ausbaden“ mussten, was sich die Ingenieure ersannen. „Regelmäßig bin ich zu den Formern in die Halle gegangen, um mich mit denen zu beraten. Ob auch praktisch möglich ist, was wir geplant hatten.“
Nicht selten, dass der Ingenieur und Entwickler Eberlein sogar noch nach Feierabend am Biertisch mit seinen Leuten aus der Produktion gefachsimpelt hat. Leicht zu glauben so, dass, als Eberlein in der DDR-Wendezeit zum Werkleiter ernannt wurde, auch die dazu befragte Belegschaft dafür stimmte.
Andere Zeiten, andere Sitten. Geblieben aber die Notwendigkeit hoher Professionalität, ob bei den Formern in der Halle oder bei den Entwicklern, die Eberleins Arbeit fortsetzen. „Ohne die“, weiß der Warener genau, „wären wir längst weg vom Fenster“.

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