:

Wer hat dem Wehrchef auf den Kopf gehauen?

Ein verprügelter Brandschützer ist sich vor Gericht ziemlich sicher, wer ihm die derben Faustschläge verpasst hat. Der mutmaßliche Täter präsentiert allerdings ein Alibi. Der Richter steckt in einer Zwickmühle.

Der Angreifer kam von hinten. Doch auch so hätte sich der Wehrführer nicht an alles erinnern können - Schuld waren 2,4 Promille.
Karl-Josef Hildenbrand Der Angreifer kam von hinten. Doch auch so hätte sich der Wehrführer nicht an alles erinnern können - Schuld waren 2,4 Promille.

Der Zeuge strapaziert gehörig die Nerven von Richter Michael Kasberg im Warener Amtsgericht. Der Vorsitzende will von Armin H.* wissen, ob er am Tattag auf eine Handy-Kurznachricht des späteren Opfers geantwortet hat. „Das ist mir nicht bekannt“, brummt H. Ob er mit dem Angeklagten an den Tatort gefahren sei, fragt ihn Kasberg. Er bekommt die gleiche Antwort.

Der Richter verschärft den Ton. „Die Staatsanwältin ist schon ganz gierig. Mit Falschaussage macht man sich strafbar“, versucht Kasberg dem Erinnerungsvermögen des Mannes auf die Sprünge zu helfen. Der bleibt unbeeindruckt: „Ich war betrunken, hab‘ vormittags schon angefangen.“ Armin H. ist schlicht unbrauchbar, um die Gewaltattacke auf Feuerwehrchef Stefan P.* in einem Dorf bei Waren aufzuklären. Das Alibi des angeklagten Martin J*. wird durch die Aussage nicht erschüttert.

Aussage mit 2000 Prozent Sicherheit 

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 34-Jährigen J. vor, den Chef der Freiwilligen Feuerwehr angegriffen und ihm mindestens fünf Faustschläge gegen Hinterkopf und Körper verpasst zu haben. Der mutmaßliche Täter streitet die Tat ab. Das Opfer beteuert dagegen vor dem Richter: „Ich bin mir 2000prozentig sicher.“

Im Gerichtssaal schildert Stefan P. den Vorfall wie folgt: Nach einer Übung saßen die Brandschützer noch im Feuerwehrhaus zusammen. Der Chef teilte den Kameraden mit, dass er Armin H. aus der Truppe geworfen habe. Der sei zu oft betrunken und deshalb eine Gefährdung für die Truppe. Per SMS habe er den Gefeuerten aufgefordert, seine Sachen vorbeizubringen. „Ich komme“, soll dieser geantwortet haben.

Der Wehrchef war selber blau

H. erschien später tatsächlich – allerdings mit Martin J. im Schlepptau. Stefan P. war mittlerweile alleine im Gebäude. „Der Feigling kam von hinten und hat zugeschlagen“, berichtet er dem Richter. Laut Polizeiprotokoll hatte der Wehrführer allerdings einen Alkoholpegel von 2,41 Promille. Wie glaubhaft ist eine Aussage in diesem Zustand? Der Angeklagte Martin J. kann vor Gericht außerdem ein Alibi präsentieren. Er habe zur Tatzeit in einem anderen Dorf mit Bekannten ein Lagerfeuer gemacht, erklärt er. Daran kann sich auch der wortkarge Zeuge Armin H. erinnern, ebenso ein weiterer Bekannter.

Die Staatsanwältin ist dennoch von Martin J.’s Schuld überzeugt. Wegen Körperverletzung fordert sie eine Geldstrafe von 500 Euro. Richter Kasberg entscheidet anders: Er spricht Martin J. frei. „Ich habe auch die Vermutung, dass sie es gewesen sein könnten. Aber wir haben nicht genügend Beweismittel.“ *Namen geändert